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ahmen, und vor allen Dingen die Masse der Beiwörter, welche sich um das Hauptwort in geordneter Dreiteilung lagern: alle diese Eigentümlichkeiten werden von den Jüngern der Dickensschen Schule aufs sorgfältigste beachtet.

Ausser diesen Kleinigkeiten ist es aber ganz besonders die Personenzeichnung, welche Boz zum Haupte seiner Schule erhebt, und welche noch zahlreichere Anhänger gefunden haben dürfte als die Scottsche Methode. Während uns Shakespeare die Peripherie und alle anderen Teile seiner im Selbstgefühl sprechenden Figuren dadurch anschaulich macht, dass er sein Wurfgeschoss gleichsam auf den von allen Teilen der Peripherie gleichweit entfernten Mittelpunkt richtete ; während Walter Scott ein körperlich und seelisch genau beschriebenes und ruhiges Porträt in plastischer Fülle uns vor die Seele führt, rückt Dickens seine im Affekt aufgenommenen Figuren durch den Hinweis auf ihre Umrisse und ihre hervorragenden Körperwinkel uns vor Augen. Wollten wir Scotts und Dickens' Me. thode durch zwei nebeneinanderstehende, aus dünnen Bleistiftlinien gebildete dreieckige Figuren veranschaulichen, würden wir jenes - Scotts Verfahren repräsentierende – Dreieck gänzlich durch eine einheitliche Farbe ausfüllen, während wir für die drei Winkel des Dreiecks, welches Dickens’ Figurenzeichnung veranschaulichen soll, drei verschiedene grelle Farben wählen würden, die mit den dünnen Staffagelinien der Bleifeder aufs grellste kontrastieren, die jedoch, selbst wenn die dünnen Staffagelinien durch die Länge der Zeit verwischt sind, immer noch die Figur als ein Dreieck erkennen lassen, da sich das Fehlende leicht aus der Phantasie ergänzen lässt.

In der grossen Zahl von Feuilletonisten, welche namentlich Dickens' Skizzen (Sketches) zum Muster gleichartiger Aufsätze gemacht haben, steht Sala obenan. - Dass Ferdinand Stolle Dickens nachzuahmen sucht, beweist der Titel seines Werkes : „Die deutschen Pickwickier“, und dass Freytag unseren Novellisten genau studiert hat, werden die Leser beider Novellisten schon oft herausgefunden haben. Kein Schriftsteller hat jedoch Boz viel zu verdanken als der Amerikaner Mark Twain und der deutsche Novellist Hackländer. Da der letztere jedoch Dickens weder im phantastisch-grotesken, noch im pathetischen Humor erreicht, dürfte der Beiname „der deutsche Boz“ nach einer sorgfältigen Vergleichung der beiden Schriftsteller etwas gewagt erscheinen.

Der Gedankengang der Dickensschen Romane und verwandter Schöpfungen könnte leicht durch eine Reise veranschaulicht werden, deren Ausgangs- und Zielpunkt durch einen breiten, unwirtlichen und bewaldeten Berg getrennt sind. In der Mitte des Buches, welches die grössten Verwickelungen enthält, hat man gleichsam die eine Hälfte des Weges zurückgelegt und befindet sich so zu sagen auf der Plattform des Berges, der hier die grösste Wildnis aufweist. Doch wie sich von jetzt ab die Öde der Natur verwandelt, so lässt sich auch in unserem Kunstwerk ein Wendepunkt erkennen, und wie der durch die Wildnis erschreckte Blick allmählich sich beruhigt, so wird auch die Verwickelung des Kunstwerkes in verschiedenen Stadien beseitigt, welche die Kritik als beruhigendes, befreiendes, versöhnendes oder erlösendes Moment bezeichnet hat.

Das erste dieser genannten Momente gilt mehr den epischen Personen und tritt zuweilen schon vor dem Wendepunkte ein, um sich dann oft wieder in ein beunruhigendes Moment zu verwandeln und die Verwickelung des Knotens zu vergrössern (Fieldings Tom Jones: Besuch seiner Geliebten und Zurücklassung ihres Muffes); das zweite der Momente erweitert des Lesers Blick, und auf den letzten Stadien, wo wir in dem Geschicke der epischen Personen den Willen der Vorsehung erkennen, wendet sich der Schriftsteller an die Welt und die Weltordnung. Der Künstler wird Priester; der Dichter wird ein Seher, ein Prophet.

Doch da Dickens' humoristische Romane das Erhabene und Lächerliche schildern und somit auch dramatische Elemente enthalten, beobachten wir ausser dem Wendepunkte des Geschickes für die epischen Personen, der Peripetie, auch eine oder mehrere Katastrophen der dramatischen Figuren, je nachdem das Pathetische oder das Komische vorherrscht. So wird in Oliver Twist, in Nicholas Nickleby, Martin Chuzzlewit, in Copperfield und Bleak House die schwül gewordene Atmosphäre durch je eine Katastrophe gereinigt, während der stolze Kauf

Archis f. n. Sprachen. LXXIII.

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mann Dombey durch drei Katastrophen in unseren Augen komisch vernichtet wird. Da sich nun die Katastrophe der komischen Vernichtung weniger durch die Wucht als durch die Wiederholung der Schläge auszeichnen soll, so erfüllt Dombey und Sohn auch in dieser Beziehung die Anforderung, welche die Kritik an ein Kunstwerk der ernsteren Komik stellt. Während also die einheitliche und wuchtige Katastrophe der Tragödie und jener Romane dem die Luft reinigenden Blitzstrahl gleicht, wirkt die komische Vernichtung eines Dombey oder eines Pecksniff wie der sich wiederholende Lichteffekt des Wetterleuchtens.

Da nun aber Dickens' humoristische Romane der rein epischen Gattung angehören, so können diese natürlich nicht mit einer Katastrophe abschliessen, wie dies bei der Tragödie, bei Zwitterepen (Nibelungenlied) und Zwitterromanen (Nanon von Dumas) der Fall ist. Wer verstünde es nun besser als unser Novellist, in seinen Werken das Geschick der dramatischen und epischen Figuren zu verflechten? Während der epische Held die erste Hälfte seines Weges mit Mühe zurücklegt, um sich dann nach der Peripetie (und ganz selten vor derselben) beruhigender Momente zu erfreuen, tritt an demselben Wendepunkte die Beunruhigung der dramatischen Figur ein, und vom Geschick bezeichnet, treibt die letztere, von der Peripetie ab, der Katastrophe zu, die nun gänzlich die Hemmnisse des epischen Ilelden beseitigt, so dass dieser am Zielpunkte seiner Wanderung des Lesers Glückwünsche für seine Erfolge empfängt.

Nachdem nämlich fast alle Recensenten Dickens' in dem einen Punkte übereinstimmten, dass seine Werke gegen das Ende abfallen, hielten wir es für angezeigt, auf den Grund dieser Erscheinung, nämlich die Technik und Architektonik seiner Schöpfungen hinzuweisen, und wen könnte es nach dem Gesagten noch wunder nehmen, dass Dickens' Romane zwischen der Peripetie und der Katastrophe am interessantesten sind, und dass nach dem Verschwinden der tragisch oder komisch vernichteten Figuren das Schale und Fade der Gattung mehr und mehr zum Vorschein kommen muss? Chemnitz.

A. Ball.

Die Hamlet-Periode in Shaksperes Leben.

Von

Hermann Isaac.

II. Abfassungszeit einiger Dramen der Hamlet

Periode. Wenn wir auf die Entstehungszeit des Hamlet Schlüsse ziehen wollen aus den Parallelismen, welche dieses Drama mit anderen aufweist, so muss die Abfassungszeit der letzteren wenigstens annähernd feststehen. Wenn zwei verschiedene Redaktionen des Haml. nachgewiesen werden sollen, die eine am Ende des 16., die andere im Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden, so kann der Nachweis sich nur auf Dramen stützen, die mit einiger Gewissheit entweder in jenem oder in diesem Zeitraume gedichtet sind.

Merch., 1. 2 H. IV., II. V., und auch wohl Wiv. gehören ins 16. Jahrhundert. Ebenso übereinstimmend sind die Stücke Meas., Cymb., Macb., Lear, Oth., Cor. von allen Forschern dem 17. Jahrhundert zugewiesen worden. Dagegen herrschen verschiedene Ansichten über das Datum von Troil., As, Ado, Cos., die bald in die letzten Neunziger, bald in den Beginn des neuen Jahrhunderts verlegt werden. Da sie für die Entscheidung der Hamlet-Frage wichtiges Material liefern, müssen wir zunächst ihr Alter zu bestimmen versuchen,

1. Troilus and Cressida. Dieses Drama ist nach den verschiedensten Seiten hin eine Crux der Shakspere-Kritiker gewesen, nicht zum wenigsten

1600
1601

nach der chronologischen, wie die folgende Zusammenstellung
der in dieser Beziehung abweichenden Ansichten ergiebt.
Nach Fleay ist es verfasst stückweise 1594—1595/6—1607
Stokes

c. 1599- C. 1602*
Chalmers
Drake
Malone, Skottowe

1602
Ulrici

1602, überarbeitet 1608/9 Hertzberg

1603 Dowden

1603 ? vielleicht überarbeitet 1607 Verplanck, Grant White 1603, überarbeitet kurz vor 1609 Delius

c. 1608 Gervinus

1608/9. Die verschiedenen Angaben differieren um nicht weniger als fünfzehn Jahre.

a) Das späte Datum i607-1609 ist angenommen worden auf Grund des Umstandes, dass das Drama zuerst im Jahre 1609 veröffentlicht worden ist, und zwar in zwei nur hinsichtlich des Titels und der Vorrede verschiedenen Quartos, in deren erster es als neues, bisher nicht aufgeführtes Stück bezeichnet wird. Die zweite giebt an, dass es auf dem GlobeTheater von His Majesty's Servants, Shaksperes Gesellschaft, aufgeführt worden ist. Die Vorrede der ersten Quart-Kaubausgabe ist durchaus nicht beweisend dafür, dass es wirklich ein neues Stück war; die Angabe ist vielmehr, wie weitere Indizien zeigen werden, sicher zu Reklamezwecken gemacht worden. Sie konnte aber wohl nur dann gemacht werden, wenn das Stück Jahre hindurch nicht aufgeführt, also bei dem Publikum in Vergessenheit geraten war.

Ob aber im Jahre oder für das Jahr 1609 nicht bloss eine Neuausstattung von seiten der Gesellschaft, sondern auch eine Neubearbeitung des Dichters stattfand, ist eine Frage, die sich nicht entscheiden lässt.

b) Am 3. Februar 1603 wurde ein Stück „Troilus and Cressida“ in die Buchhändlerregister eingetragen, als aufgeführt von den Lord Chamberlain's men (damaliger Namen der Truppe Shaksperes). Das Stück sollte also gedruckt werden, erschien aber nicht. Wir haben nun zwei Fakta: Shak

* Auch Furnival zweifelt nicht, dass das Stück aus einem älteren und einem jüngeren Teile bestehe.

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