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Junkers schildert er dagegen in humoristischer Weise, und hier verwandelt sich oft der Humor sehr glücklich zur milden Ironie.

Der Roman ist das Kind einer prosaischen, arbeitsreichen und nüchternen Zeit. Kein Wunder daher, dass er sich meist auf die Seite der vorwärts strebenden realistischen Gesellschaftsklasse stellt; ja einige und namentlich deutsche Romanschriftsteller schleudern die heftigsten Blitze nach der ihnen so verbassten Junkerwelt. Die gegnerische Seite kann nur eine dürftige Romanlitteratur aufweisen, und als der aristokratische Roman seine Niederlage voraussah, nahm er zum Künstlerroman seine Zuflucht. Wenn wir nun vom Roman gesagt haben, er zeige sich nur da, wo wirklich gearbeitet wird, können wir fast dasselbe vom Humor behaupten; denn sein Erscheinen drückt Befriedigung an dem vollbrachten Werke aus. Beim Anblick der gegnerischen Junkerschaft wird dieser Humor allerdings erst recht zur Geltung gelangen; als versöhnendes Element wird er jedoch die Angriffe mässigen, und bei mehreren deutschen Romanschriftstellern vermissen wir mit Bedauern, dem Gegner gegenüber, den milden versöhnenden Humor unseres Novellisten, der uns namentlich in Bleak House so wohlthätig berührt.

Dieser Humor, mit welchem der Schriftsteller die Fortschritte des vorwärts strebenden Neuerers (Rouncewell) behandelt, und die Ironie, mit der er das Zurückgehen der gegnerischen Verhältnisse (Sir Leicester Dedlock) beleuchtet, ist noch in anderer Weise für den Roman, für England sowie für unser Jahrhundert charakteristisch; denn Humor wie Ironie zeigen an, bei welcher Stufe die Streitfrage der beiden Gegner angekommen ist. In des Cervantes Werk wird Aristokratie und Idealismus durch den edlen Junker Don Quixote repräsentiert; der nüchterne Alltagsverstand jenes Jahrhunderts konnte nur in den ungeschlachten Zügen eines Sancho Panza verkörpert werden. Da der letztere jedoch trotz aller Klarheit von dem aristokratischen Idealismus seiner Zeit ins Schlepptau genommen wird, von dem er sich trotz gemachter Anstrengungen nicht losmachen kann, muss diese geistige Beschränktheit seinem Schöpfer Cervantes nur Gelegenheit zur Satire geben, und der ungeschlachte Repräsentant des Alltagsverstandes konnte den geistreichen Spanier nur mit derselben Ironie erfüllen, mit welcher er über seinem idealen Helden schwebt. Der Humor unseres Novellisten ist also nicht bloss der beste Beleg für unsere Fortschritte, sondern auch ein Beweis dafür, dass die kämpfende, vorwärts ringende Welt in unserer Zeit des Sieges bereits gewiss ist und dem anderen Lager gegenüber eine weniger hierausfordernde Stellung einnimmt.

Der Hinweis auf Cervantes als den Schöpfer des modernen Romans hat uns zugleich erkennen lassen, dass es Tendenz war, die sein unsterbliches Werk ins Leben rief. Der Tendenz ist es besonders zu danken, dass die seit Jahrhunderten angewendeten Motive wieder neu erscheinen. Man denke beispielsweise an Emilys Verführung durch Steerforth. Seit der Iliade und den Ritterromanen sind Entführungen fast ein Gemeinplatz von Dichtungen jeder Art gewesen; „die alte Geschichte“ wurde aber nur dadurch „neu“, indem in den Prosadichtungen und selbst in Drama unserer Zeit der Mann den besseren Ständen, die Jungfrau einer anderen Gesellschaftsklasse angehört. Es war leider die Tendenz, welche den Schriftsteller so oft antrieb, den Mädchenräuber in dem Junkerstande zu suchen; und die von Dickens geplante Entführung muss auch hier wieder als mild tendenziös erscheinen, da er den Verführer der Fischertochter einer Gesellschafteklasse entnimmt, die zwar über dem getäuschten Mädchen steht, jedoch immer noch dem besitzenden mittleren Bürgerstande angehört.

Da unser Humorist im Gegensatz zur klassischen künstlerischen Schule sich instinktiv den ersten Eingebungen seiner Phantasie hingiebt, muss sich in seinem Stile eine gewisse Fülle bemerkbar machen. Dieselbe wird uns aber bei Dickens' gewandter Feder stets wohlthätig berühren und uns den peinlichen Eindruck ersparen, den der umständlich genaue und schleppende Stil Walter Scotts so oft in uns hervorruft: Dickens' Perioden sind meist sehr zusammengesetzt. Der Lapidarstil, welcher nur mit nackten oder einfach erweiterten Sätzen baut, die, den Quadersteinen der Pyramide ähnlich, dem Satzbau und der Periode Majestät verleihen, ist in unserer künstlichen Zeit überhaupt seltener geworden, und der schnell arbeitenden Feder unseres Novellisten würde sowohl diese Stilart als auch Fieldinge Raffinement widerstreben, durch die Anwendung des homerisch - virgilianischen Stiles auf komische Situationen einen Gegner zu persiflieren (siehe die Kirchhofsscene in Tom Jones), da dergleichen Finessen ein genaues Studium des Stiles der Alten und beständiges Nachdenken bedingen. Die Fülle, welche in Dickens' Stile sich kundgiebt, wird durch die vielen voneinander abhängigen und rasch aufeinander folgenden Nebensätze, aber ganz besonders durch die in Gruppen aufgehäuften Adjektive bewirkt. Dass sich dies alles nicht auf den Dialog und nur auf die Beschreibung bezieht, wo er in Person zu seinem Leser spricht, ist selbstverständlich: denn wer könnte den Dialog wohl natürlicher gestalten als unser Volksfreund und Menschenkenner? Bei dieser Gelegenheit müssen wir Lewes' Urteil, die Conversation of character seiner Figuren wäre unnatürlich, als ungerecht zurückweisen.

Andere Eigentümlichkeiten des Dickensschen Stiles müssen sich aus seiner humoristischen Beanlagung ergeben, welche ihn den Menschen im Affekt zeigt. Der dem Gegenstande näherstehende Humorist kann nicht in den kalten ironischen Stil eines Cervantes verfallen, der Eingang zu Bleak House dürfte jedoch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem kühlen, wohlüberlegten Stile in Don Quixote haben -- die fieberhafte Hitze des Affektzeichners, der sich selbst in der Gefühlsbewegung zu befinden scheint, wenn er die Kämpfe des Gemüts oder Bill Sikes und J. Chuzzlewits Unruhe nach verübten Verbrechen schildert, treibt ihn zu mystischer Personifikation lebloser Wesen und des unpersönlichen Fürwortes „es" (Bleak House: wenn er von dem sich schnell verbreiteten Gerücht spricht), oder gar zu ungewöhnlichen Metaphern. Und gerade durch die Anwendung dieser letzteren Redefigur unterscheidet sich der echte von dem unechten Humor oder Scherz. Man lese einige Seiten aus Holteys „Vagabunden“ und nach ihm Dickens, und man wird finden, wie der erstere selbst mit der Sprache tändelt, während der den Affekt darstellende Novellist das ohnmächtig gewordene Wort zuweilen verwerfen muss, um zum plastischer darstellenden Bilde zu greifen.

Die auf verschiedene Lagen des Lebens angewendete Wiederholung gewisser Stichworte, komischer oder pathetischer Redewendungen seiner Personen ist eine weitere Eigentümlichkeit des Dickensschen Stiles, erklärt sich aus dem Dichtungsgebiet des lokalisierenden Karikaturzeichners und findet verwandte Züge in der Posse und in dem Refrain der Couplets. Da der Karikaturenzeichner uns seine Figuren nur in Umrissen darstellt, die wenigen Züge aber mit kräftigen Linien markiert, wirken diese Wiederholungen charakteristischer Wendungen so ausdrücklich auf den Leser, dass er im stande ist, das Fehlende aus der Phantasie selbst zu ergänzen. Ähnlich dem Schlagwerk der Repetieruhr, die uns in plötzlichen und unerwarteten Schlägen überrascht, wirken beispielsweise folgende Ausdrücke: „Barkis hat Lust" (Copperfield) und „Sein einziger Sohn“ (Chuzzlewit). – Diese Wiederholung gewisser Redewendungen tadelt Taine init Unrecht als einseitig; Forster jedoch unterlässt es unbegreiflicherweise, bei Zurückweisung des Taineschen Angriffes auf Dickens' Dichtungsgebiet hinzuweisen, welches diese Schlagwörter erheischt. Der Biograph unseres Novellisten zieht es dagegen vor, zwei von Taine mit Recht getadelte Repetieruhren dieser Art als ausgezeichnete Erzeugnisse von Dickens' komischer Muse hinzustellen, nämlich Mica w ber in Copperfield) und Frau Gamp (Chuzzlewit), und Lewes hat nur zu recht, wenn er vom ersteren sagt, er mache ihm den Eindruck eines Frosches, dem das Gehirn ausgenommen sei.

Noch ein Wort über den Dialekt und das Kauderwelsch einiger dem Bauernstande oder der Hefe des Volkes angehörenden Figuren. Der Yorkshire - Dialekt des Kornbändlers John Browdie (Nicholas Nickleby) dürfte am besten nachgeahmt sein. - In diesem Punkte jedoch erreicht unser Novellist kaum Fielding, dessen Squire Western sich nicht nur in bäuerischen Redensarten ergeht, sondern auch seine beschränkte Denk- und Anschauungsweise, seine politischen Ansichten und sein Temperament erkennen lässt. Im Detail zeichnet sich Dickens jedoch wieder als guter Volkskenner aus. Leider verfallen die bäuerischen Typen unseres Novellisten zu oft in ihrer Sprache in eine gewisse Monotonie, die übrigens Fielding aufs glücklichste dadurch vermied, dass er von Zeit zu Zeit eine plötzliche Abwechselung in der Stimmung des Sprechenden eintreten liefs. Das höchst komisch wirkende Kauderwelsch der verworfenen Volksklassen in Oliver Twist ist jedoch Boz wohlgelungen und beweist, dass er die Metropole besser kannte als die ländliche Bevölkerung

Wir haben schon Dombey und Sohn oft in anerkennender Weise erwähnt; auch was die Sprache betrifft, verdient es als Meisterwerk hingestellt zu werden. Hier weist nämlich der Stil des Dialoges die herrlichsten Gegensätze auf, und Toodle, der Lokomotivführer, Cuttle, ein früherer Seemann, Bagstock, der pensionierte indische Major, verraten nur zu oft durch ihre Ausdrucksweise das Element, in dem sie sich bewegen oder bewegt haben. Vor allen Dingen aber bringt die Redeweise dreier Hauptpersonen eine herrliche Nüancierung hervor, und ein grossartiger Kontrast wird schon bezüglich der Sprache geschaffen durch das elegante Englisch des stolzen Kaufinannes (Dombey), durch die sophistischen Redewendungen Carkers, seines Prokuristen, welcher geläufig spricht, ohne jedoch ins Geschwätzige zu verfallen, und durch die ungeschickte, unbeholfene Ausdrucksweise der wenig sprechenden stolzen Edith, deren Seelenleben sich jedoch bei der schon erwähnten Verführungsscene in Dijon Carker gegenüber zum Pathos steigert, und die hier eine Beredsamkeit entwickelt, welche uns an Percys Eloquenz vor Heinrich IV. erinnert. (Heinr. IV. Teil I, Akt I, 3.)

Ein Schriftsteller drückt dadurch seinem Genie das Siegel auf, dass er „Schule macht“. Zwar kann unser nur den Familienroman anbauende Novellist sich nicht eines Einflusses auf die schreibende Welt erfreuen, wie Scott, der Begründer des historischen Romanes; trotzdem zählt Boz in seinem Vaterlande, in Amerika, ja in Deutschland Anhänger, die getreu den von ihm eingeschlagenen Weg verfolgen.

Schon Sokrates in einer uns überlieferten Unterredung mit Plato fand es für wünschenswert, das Erhabene und das Lächerliche zu verbinden. Shakespeare hat diese Verschmelzung auf dem dramatischen Gebiete am glücklichsten getroffen, und der in der Westminster Abtei Shakespeares Büste gegenüber rubende Dickens scheint auch im Leben und Schaffen in dieser Verschmelzung der beiden Elemente auf epischem Gebiete das Vorbild des grössten Komi - Tragikers vor Augen gehabt zu haben. In dieser Komi-Tragik auf dem Gebiete der Romanlitteratur, in welcher Boz bahnbrechend wirkte, dürfte unser Schriftsteller am meisten Einfluss ausüben.

Der Bau von Boz' Perioden, deren mannigfache Nebensätze die aus zahlreichen Röhren sprudelnden Fontänen nach

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