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heit des Christentums eine thatsächliche, ohne dass er sich der Erkenntnis seiner Verirrungen und Verzerrungen verschliessen will, und muss es ihm auch als Notwendigkeit erscheinen, in seiner Fortsetzung des Nathan die Person des Mönches zu schildern, wie er dies wirklich that. Hier will uns bedünken, als ob Pfranger eine Schwäche bei Lessing entdeckt habe, die bei der Prüfung von dem Inhalt der Parabel nicht genug beachtet werden kann. Wollte dieser mit den drei Ringen die drei Religionen des Juden, des Christen und des Moslem bezeichnen, und wollte er in der That die absolute Wahrheit von einer derselben unentschieden lassen, so war es auch eine Notwendigkeit für ihn, seine Vertreter dieser drei Religionen, einen jeden nach dem thatsächlichen Gehalt der seinigen, zu charakterisieren. Dass dies nicht geschehen, dass Lessing es wohl verstand, dieselben als treffliche und edle Menschen, nicht aber mit den gleichen Eigenschaften als Juden und Mohammedaner zu schildern, das darf ausdrücklich hervorgehoben werden. Wenn nun bei ihm Jude und Moslem die Hauptträger von des Dichters Gedanken sind, und die Christen, denen er in seinem Nathan eine Rolle zuweist, einen mehr oder weniger untergeordneten Rang gegenüber denselben einnehmen, so kann dies gesagt werden, ohne dem Vorwurf gegen Lessing zuzustimmen, dass er sich eine absichtliche Herabwürdigung des Christentums habe zu Schulden kommen lassen. Ja wenn man den ganzen thatsächlichen Gehalt des Nathan heraushebt und ihn mit den drei vlargestellten Religionen zusammenhält, so kann man sich der Erkenntnis nicht verschliessen, dass, wenn irgend eine derselben, es gerade und einzig nur die christliche Religion ist, die nach all ihren Lehren und Ideen für die nach den tausend tausend Jahren vollendete allgemeine Menschheitsreligion die alleinige Grundlage bilden kann. Dass ihre Vollendung hierzu, noch ferne ist, dass sie bis zu ihrer vollständigen Reife und Ausbildung noch mancherlei Irrungen unterworfen ist, das ist doch kein Grund, um an ihrer Wahrheit zu zweifeln, und das mag auch dem Verfasser des Mönches vom Libanon geholfen haben, dic Zweifel zu besiegen, in die ihn die Wolfenbütteler Fragmente und der Nathan versetzt. So darf in ihm auch der Gedanke entstanden sein, zu zeigen, dass gerade das, was Lessing Archiv f. n. Sprachen. LXXIII.

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als seine eigenen Gedanken, als seine von jeglicher Berührung mit den positiven Religionen befreiten Ideen darzustellen suchte, der Inhalt des Christentums sei, dessen Wahrheit er nicht höher stellt als die des Mosaismus und Islam. Diesem Gedanken verdankt die Person des Mönches vom Libanon offenbar ihre Entstehung, und wenn auch das ganze Stück, das eben nur zufällig sich in dramatische Form kleidete, im Vergleich mit Lessings Nathan einen untergeordneten Wert seiner Form und seinem Inhalt nach beanspruchen kann, so ist doch die Liebe und Milde hervorzuheben, mit der Pfranger diese Hauptperson charakterisierte, um in ihr zu beweisen, dass, so oft man sich auch von dem Christentum lösen und befreien wollte, um an seiner Statt ein anderes zu bieten, es doch immer wieder nur die von ihm gegebenen und gebotenen Lehren und Grundsätze sind, auf denen sich unser Leben aufbaut. Es wäre demnach auch nur falsch, wenn man in dem Mönch vom Libanon eine feindliche Polemik gegen Lessing erblicken oder Pfranger gar eine souveräne Verachtung der im Nathan ausgesprochenen Ideen unterschieben wollte. Für ihn waren sie ja, da er sich einmal zu einer tieferen Prüfung derselben veranlasst sah, am Ende nur christliche, und es erwuchs ihm daraus die Aufgabe, in einer friedlichen und milden Art, wie sie ihm eigen war, dies zu zeigen. Dass er darum auch da, wo er dem Verfasser des Nathan gegenüber einer geradezu gegenteiligen Meinung war, ruhig und ohne jede Gehässigkeit sprach, ist um so mehr anzuerkennen, als männiglich bekannt ist, dass ein solcher Gegner Lessings nur selten gefunden ward.

Der Mönch vom Libanon ist heute vergessen, Lessings Nathan ist für viele ein Evangelium der Toleranz gegenüber dem sogenannten starren und einseitigen Christentum geworden. Ob sie aber, wie ja wohl ihr Lob und Rühmen beweisen soll, den Kern des Nathan verstanden und seinen Inhalt zur That gemacht, muss dahingestellt bleiben. Pfrangers Buch, mag man nun nach seiner hier gegebenen Schilderung darüber denken wie man will, bleibt immerhin eine charakteristische Erscheinung für eine Zeit, deren gewaltige Gärung gerade auf religiösem Gebiete sich bis auf unsere Tage hinaus fühlbar gemacht hat.

Über das Wort und den Begriff Posse.

Bücher baben ihre Schicksale“, wie ein geflügeltes Wort besagt, einzelne Wörter aber auch. Es giebt schöne, glückliche Wörter, die sich einer alten, edlen und allgemein anerkannten Herkunft erfreuen. Mit sicherem Tritt, mit stolzem Klange sind sie in die Litteratur eingetreten, haben ihren Lauf in derselben gemacht, jede Rede geschmückt, in welcher sie vorkamen, und noch jetzt freut sich jeder Schriftsteller ihrer Anwendung. Dagegen finden sich andere, minder begünstigte Sprösslinge des Sprachgeistes, von zweifelhaftem und verstecktem Herkommen, deren man sich nur zur Bezeichnung von niedefen, unfeinen Dingen bedient, ja, mit deren Begriff sich geradezu von vornherein ein Tadel und eine Herabsetzung verbindet. Ein solches sprachliches Aschenbrödel ist das Wort Posse. Seine Abkunft ist zweifelhafter Natur, der deutsche Ursprung wird ihm von einigen geradezu bestritten, und seine Bestimmung ist bis auf den heutigen Tag die, etwas Niedriges, ja Gemeines zu kennzeichnen. Eines solchen übel angesehenen, missbrauchten Wesens sich anzunehmen, hat einen gewissen Reiz. Rettungen sind ja in unserer Litteratur von jeher etwas Beliebtes gewesen; die ärgsten erlauchten Dirnen und Tyrannen hat man neuerdings in Schutz genommen. Warum also nicht auch einem so unschuldigen, eigentlich doch seiner Schlechtigkeit sich gar nicht bewussten Wesen, wie einem Worte, zu Hilfe kommen?

Zunächst, was sein Herkommen betrifft, so werde ich die Dunkelheit, welche auf demselben liegt, wenn auch vielleicht etwas aufhellen, doch kaum gänzlich zerstreuen können. Zwar die gröbste Anschuldigung, welche man in dieser Beziehung gegen das Wort erhoben hat, bin ich allenfalls im stande zurückzuweisen. Man hat es geradezu von böse, Bosheit herzuleiten versucht. Und dieser Versuch ist schon sehr alt. Graff verzeichnet im Ahd. Sprachschatz, Bd. III, Sp. 217, althochdeutsche Glossen aus einem Bibelkodex und aus einem Kodex des Boethius de consolatione philosophiæ, wonach nugæ mit gebose, der Akkusativus dazu nugas mit giposi übersetzt wird. Anderweitige althochdeutsche Glossen zu den Satiren des Persius übertragen nugari mit bôsôn, nugaris mit thu bosos; in den Glossen eines Tegernseer Kodex zu einer Historia ecclesiastica wird ineptus mit giposer, der Akk. plur. ineptas mit giposo gedeutet; in Glossen zum Prudentius nugator inanis mit giposari wiedergegeben. Hieraus zu schliessen, dass unser neueres Posse, unter dem man doch eben solche nugæ versteht, von jenem bôsi, gabôsi herzuleiten sei, lag nahe. Nichtsdestoweniger hat schon Grimm im „Deutschen Wörterb.“ in dem sehr ausführlichen Artikel ,,Bosee“ jene Ableitung zurückgewiesen, indem er, wie mir scheint, mit Grund darauf aufmerksam macht, dass nicht nur der lange Vokal ô in jenem ahd. gabôsi, sowie der allmählich eintretende Umlaut ö in böse, sondern auch das Doppel-s in Bosse, Posse jenem Ursprunge widerspreche. Wenn freilich Grimm gleichzeitig an derselben Stelle als Grund gegen diese ahd. Ableitung von Posse den Umstand geltend macht, dass das Wort im Mhd. nicht vorkomme, so möchte ich diesen nicht für stichhaltig ansehen. Einerseits findet sich posse in der Bedeutung von „mutwilliger Streich“ in der That in einem Gedichte Frauenlobs (Minnesänger, herausg. von v.d. Hagen, Bd. III, 149"), andererseits habe ich schon bei früheren Gelegenheiten die eigentümliche Erscheinung hervorgehoben, dass einzelne, im althochdeutschen Zeitraume vorkommende Wörter in der mittelhochdeutschen Periode wie verschwunden sind und erst im 15. und 16. Jahrh. wieder auftauchen.

Jak. Grimm wendet sich, und nach ihm mehrere andere Verfasser von deutschen Wörterbüchern, wie z. B. Weigand, bei der Ableitung des Wortes Posse vielmehr dem Ahd. pôzan, mhd. bôzen, spät mhd. bossen, schlagen, stossen, zu. Man könnte nun denken, dass der Übergang aus dem bôzen, bossen, schlagen zu Posse einfach so zu machen sei, dass Posse ein Schlag, Streich sei. Schon Adelung weist sub voce Posse darauf hin, dass die meisten gleichbedeutenden Wörter, wie Gaukelei, Schwank, lateinisch jocus, von einer Bewegung hergenommen seien und zunächst possenhafte Bewegungen und Stellungen bedeuten. Er hätte auch scherzen anführen können, welches ursprünglich hüpfen, springen bedeutet und nichts als eine Erweiterung von schërn, dann schërnen, eilen, rasch fortgehen, ist. Ebenso ist im Griechischen nabav, schlagen, und nuítalv, spielen, offenbar nah, d. h. wie Mutter und Kind verwandt. Dem analogen, anscheinend so leichten Übergange von bôzen, bossen, schlagen, zu Posse steht aber zunächst die Thatsache entgegen, dass sich kein vermittelndes Verbum bossen, im Sinne von scherzen, Mutwillen treiben, findet. Ein Frequentativum bosseln, bösseln, im Sinne von scherzen, nugari, kommt allerdings vor. Allein nur dialektisch und vereinzelt; in Stalders „Schweizerischem Idiotikon“ S. 200 ist „pösseln“ im Sinne von „kleine mutwillige Streiche“ machen aufgeführt. Dagegen giebt es ein, mit bôzen, bossen, schlagen zusammengehöriges Substantivum bosse, welches in einer so ganz eigentümlichen, von zahlreichen Stellen namhafter Schriftsteller belegten Bedeutung vorkommt, dass der Übergang davon zu unserem jetzigen Posse, so umständlich und indirekt derselbe auch erscheint, in der That als der richtigste und zuverlässigste sich darbietet. Jenes bosse, es findet sich auch im italienischen bozza, im französischen bosse wieder, bedeutet zunächst eine, durch einen Stofs oder Schlag hervorgebrachte Beule oder Erhöhung und wird dann vor allen Dingen und hauptsächlich, ebenso wie das davon abgeleitete bosseler, bossieren, von den durch getriebene Arbeit hervorgebrachten erhabenen Figuren gebraucht. Dann Figuren und Steinarbeit überhaupt. Ein oder eine Bosse, Posse ist also eine auf Brunnen, Gesimsen oder sonst passenden Stellen angebrachte Figur, meist von komischem Aussehen. In diesem Sinne wird das Wort von allen hervorragenden Lexikographen des 16. bis 18. Jahrh. verzeichnet. Maaler (lat. Pictorius) hat in seiner „Teutsche Spraach“ S. 319a: „Possen, als

an die Brunnen macht, wasser ausszeblaasen oder kindle an den rören, die wasser aussschräyend (d. h. ausspritzen)

von

die man

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