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gilt ihm die Möglichkeit, „Gott" fönne uns absichtlich zum Irrthum geldjaffen haben! Vor der Autorität „Gottes" also, des Unvermeidlichen und Unangreifbaren, dessen Ext: stenz vor Adem erst zu beweisen war, bradyte Descartes seine vorsichtigen Zweifel fofort zum Sdyweigen, objdon er demselben die edle That zutraute, uns Menschen als Narren in die Welt geseyt zu haben. So wie gewisse arithmetische Kunststüde, von welcher Seite man sie auch anfasie, immer die nämliche Zahl zum Vorschein bringen, so besteht, wie es scheint, das Hauptfunststück der Philosophen darin, durd, die Folgerungen ihrer Systeme immer einen Gott herauszurechnen. Wo sie nicht mit ihm beginnen, müssen sie jeden Falls mit ihm endigen. Gleic Descartes, foderte auch Bacon als Vorbedingung aller richtigen Erkenntniß , eine Reinis gung des Sinnes von allen abstrakten Theorien und überlieferten Vorurtheilen“; zugleich führte er sehr richtig alle wahre Erkenntniß auf die Erfahrung und die Naturphilosophie zurüd. Der nämliche Bacon aber, Philosoph und Staatskanzler, wußte sich mit der Theologie, den direkten Gegenfatz seiner realistischen Erkenntnistheorie, ganz friedlich abzutfinden. Und was haben wir an unsern großen teutsdien Philofophen erlebt? Die meisten waren – Krone aller 3ronie! - königliche Professoren und wer von einem fös niglich preußischen Professor ein offenes und ehrlides Zeugniß für die Wahrheit erwartet, liefert dadurdy bloß eins gegen feinen eigenen Verstand. Selbst Nant wußte seine kritische Ppilosophie geschmeidig auf den Berliner Leisten zu schlagen und Hegel, obschon ein Sdywabe, eignete sid; geschidt die ,,preußijden Pfiffe" an, die er in die ,,List der Idee" übersetzte. Um aber das Verbrechen wieder auszugleichen, daß er die Philosophie mißbrauchte, um das infame Breußenthum an die Spitze des Universums zu schlußfolgern, schmuggelte er, mehr polizeilistig als ideenlistig, seine Freiheits-Ideen in einer philosophischen Gaunersprache ein, die nach seinem eigenen Zeugniß Niemand verstand. Ueberhaupt hat an der dunklen Tiefe manches berühmten Schriftstellers die Polizei und der Böbel mehr Antheil, als sein Genie. Alle Welt würde bedenklich den Kopf schütteln, wenn man ihr versicherte, die wahre Philosophie fei die Stüze der Throne und der Altäre, und doch geht alle Welt sdyweigend über die verdächs tige Thatsache hinweg, daß überall die berühmtesten Philojos phen die Freunde der Könige waren und mit den Pfaffen in Frieden lebten. Besonders bemerkenswerth und bedeutungsvoll ist ferner, daß fast alle unsre bekanntesten Philosophen aus ber Sippschaft der Theologen hervorgegangen sind :

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Kant hat Theologie studirt,
Fidyte hat Theologie studirt,
Schelling hat Theologie studirt,

Hegel hat Theologie studirt,
jogar Arnold Ruge hat einst Theologie studirt,

ja selbst Ludwig Feuerbach hat Theologie studiet, aus weld)er er später in die Anti-Theologie übersprang, ohne aber die Konsequenzen dieser Stellung bis zum entsdziedenen Materialismus systematisch zu verfolgen.

Wenn nun eine Reinigung des Gehirns von den überlies ferten Anschauungen, Vorstellungen, Frrthümern, Vorurtheilen die erste Bedingung zur Ermöglichung einer Erforjdzung der Wahrheit ist, so läßt sich sdhließen, wie schwer es unsern theologisdyen Philosophen oder philosophischen Theos logen gewesen sein muß, einen unbefangenen Standpunkt zu gewinnen und der Wahrheit direkt in's Gesicht zu schauen, Das Wort „Ein Pfaffe bleibt ein Pfaffe" läßt sich auch modifizirt anwenden: ein Theologe bleibt ein Theeloge. Auf dem Wege von der Kanzel zum Katheder, den unsre Philosophen eingeschlagen, haben wir wahrsdeinlich den Schlüssel zur Erklärung der Thatsache zu suchen, daß sie sämmtlich Spiritualisten geblieben sind, während die geistige Vergangenheit unserer teutschen Materialisten auf das Studium der Naturwissenschaften zurüdführt. Unfre Philosophen haben den Gott ihrer theologisden Welt einfach feines religiösen Aufputzes entfleidet, um ihn als „Idee" in die Philosophie einzuführen. Ihre Philosophie war übertragene Theologie, theils aus Unbeholfenheit, theile aus Bedanterie, theils aus Unterthanenfurcht getauft mit Phra. fen, welchen der gesunde Menschenverstand eben so wenig beitommen konnte wie die Bolizei. Sie errangen damit die erhabene Satisfaktion, nicht bloß nicht verfolgt, sondern auch nicht verstanden zu werden, eine Satisfaktion, welche unumstößlich beweist, daß ihnen die Wahrheit und ihre Verbreitung über Alle8 ging.

Die angeführten berühmten Beispiele zeigen um fo mehr die Nothwendigfeit, bei Erforsdjung und Vertretung der Wahrheit nicht bloß eine Reinigung des Ropfe & von alten an8 der Vergangenheit und Erziehung übernommenen vor. urtheilen, sondern auch eine Reinigung des „Herzens" von allen durch feindliche Umgebung und gemeines Futeresse gebotenen Rüdsidhten als unerläßliche Vorbedingung an die Spite zu stellen. Erkenntniß der Wahrheit ohne ihre offene und entschiedene Verfündigung ist Berrath an derselben. Beide Requisite aber hat nur der Raditalismus aufzuweien. Wenn daher dessen Vertreter auch auf keine höhere Begabung zur Erkenntniß des Wahren Anspruch machen können, als andre Menschen, so dürfen sie doch mit Redyt Anspruch machen auf mehr Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Muth bei der Darlegung ihrer Ueberzeugungen und Das genügt zur Sicherung des Standpunktes, den ich ihnen vindizire.

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Auf diesem Standpunkt nun sol ich mich über das Wesen, die Erfodernisse, die Grenzen, die Gegenstände des 3nbes griffs aller Erkenntniß d. h. über den Inhalt des Wortes Wahrheit verbreiten, des gewichtigsten Wortes, das die Sprache kennt, eines Wortes, das in Ader Munde und doch so selten zum Lautwerden bered/tigt ist, eines Wortes, welches das erste Bedürfniß aller benkenden Wesen ausspricht und doch keinem einzigen volle Befriedigung bringt, eines Wors tes, nach dessen Inhalt Alles ichmachtet und vor dem doch Alles zurücbebt, eines Wortes, das alle Räthfel wie alle lösungen, alle Probleme wie alle Erfolge, alle Liebe wie allen Haß, alles Gute wie alles Böse, alles Leben wie alle Vernichtung gleichzeitig repräsentirt und umfaßt. Wennt ich bei dieser Aufgabe an etnes Anderes dächte, als an die Aufstellung allgemeiner Gesichtspunkte und die Andeutung der Umfangslinien meines Thema, fo würde ich die Thors heit begehen, nicyt bloß die Grenzen eines Vortrags, sondern auch die Grenzen meiner Befähigung maßlos zu überschreiten. Innerhalb der Begrenzung, in der ich meine Aufgabe zu halten habe, glaube ich einen Ueberblick über das Gebiet der Wahrheit am Besten eröffnen oder erleichtern zu föns nen durch Aufstellung der Haupt-Gegensäge oder Schranken, mit denen sie in Berührung kommt. Demnach will ich eine kurze Betrachtung anstellen über folgende Gegensätze:

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Wahrheit und Endlichkeit,
Wahrheit und Schein,
Wahrheit und Irrthum,
Wahrheit und Unwahrheit,

Wahrheit und füge, Diese Gegenfäße ziehen sidy durch alle Gebiete hindurdy, in welchen die Wahrheit zu suchen und zur Anwendung zu þringen ist, also vorzugsweise durch das der Wissensdiast, der Kunst und der Sittlichkeit. Die Wahrheit ist entweder Gegenstand der Erkenntiß und dann ist ihr Gebiet vorzug8s weise die Wissenschaft; oder Gegenstand des schöpferijden Bildens und dann wird sie zum Erfoderniß der Kunst; oder Gegenstand der Rüdsidyten im Berhältniß der Menschen unter einander und dann bildet sie den Inhalt der Sittlichteit. Diese drei Gebiete zusammenfassend ein System des Radikalismuß aufzustellen, wäre eine neue philosophisdie Aufgabe, deren Vorarbeiten aber noch nicht vollendet sind.

Die mensdlide Wißbegierde, die man mit einem andren Wort Wahrheitsliebe nennen kann, ist unermüdlich wie uns ersättlich, sie steht an keiner Grenze still und strebt Alles und Jedes zu erforsden. Dieß Streben kann schon aus dem Grunde niemals auf vollständige Befriedigung hoffen, weil das Leben des Einzelnen für den langen Weg zu den Zielen seiner Wißbegierde nidit ausreicht, abgesehen davon, daß das Wissen überhaupt seine Grenzen hat. Deshalb mache ich aus Wahrheit und Endlichkeit einen Gegensat. Andre bilden daraus einen Widerspruch, um mit dessen Lösung ein spiritualistisches Kunststüd auszuführen, oder ein frommes Geschäft zu machen. ,,Wenn - so ungefähr lautet ihr Raisonnes ment – der Wissensdrang des menschlichen Geisteß in's

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