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Unendliche geht, so muß der Geist selbst unendlich sein. Die freie Bahn jener Unendlichkeit aber kann er erst betreten, nad dem er seine endliche Hülle abgestreift hat. Dann findet sein Drang in einem höheren Leben die Befriedigung, die er hier nur ahnen lernt durch sein höheres Bedürfnis." Diese Schlußfolgerung ist gleich bequem für Diejenigen, von denen sie ausgeht, wie für Diejenigen, auf welche sie berechnet ist. Sie zu würdigen, brauchen wir sie bloß auf die leiblichen Bedürfnisse zu übertragen. Wir werden dann fofort finden, daß das Bedürfniß unseres Magens eben fo unendlich ist wie das unseres Geistes und wir brauchen uns nur am Ursitz aller teutschen Philosophie, in München, umzusehen um uns zu überzeugen, daß der teutsche Bierdurst eben so wenig definitiv zu löschen ist wie der teutsche Wissensdurst. Daraus würde denn die Ronsequenz folgen, daß die Münches ner eines zweiten Lebens bedürfen, um ihr unterbrochenes Biertrinken fortzuseßen. Gehen wir näher auf die Frage ein, so wird sich herausstellen, daß die Unerfättlichkeit oder Unbegrenzheit zum Wesen des natürlichen Bedürfnisses überhaupt, des leiblichen wie des geistigen, gehört, daß das Bedürfniß nichts Anderes ist, als das jedent lebenden Wesen inwohnende Gefühl der Nothwendigkeit, feinen in fortwährender Veränderung begriffenen Organismus fortwährend zu ergänzen, zu erhalten, in seinen einzelnen Theilen zu ersetzen und zu feinen einzelnen Verrichtungen zu befähis gen. Daraus folgt einfach, daß das Bedürfniß nicht aufhören kann, so lang die Möglichkeit und Nothwendigkeit folcher Ergänzung, Erhaltung, Ersetzung und Befähigung vorhanden ist. Bedürfniß und Leben sind unzertrennlich, das Bedürfniß ist Attribut und Bedingung des Lebens,

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während definitiv befriedigtes Bedürfniß gleich bedeutend sein würde mit Tob. Es ist so wenig ein Bedürfniß ohne Leben wie ein Leben ohne Bedürfniß denkbar. Ueberrieß werden wir finden, daß die übermäßige Befriedigung eines Berüirfnisses dasselbe verstärkt statt es zu schwächen. Es ist nod)! Niemand zum Säufer geworden dadurdy, daß er sich ges wöhnte unter dem Maß seines Durstes zit bleiben, umd in gleider Weise, wie die Gewohnheit des Trinfens über den Durst Bier- und Wein-Säufer erzeugt, fann auch die übers mäßig, ausschließlich und einseitig erstrebte Befriedigung des Wissensburstes Wissens-Säufer heranziehen, deren frankhaft unbefriedigter Geist zuletzt Rettung in Sd)wärmerei und Geisterseberei, wenn nicht im Wahnsin findet. Beim Denken und Forsden ist so gut eine Diet zu beobadyten wie beim Essen und Trinken. Doch die Folgen von Dietfehlern folul man nicht zu normalen Eigenschaften umdeuten, um daran falsche Folgerungen zu knüpfen. Das normale Bes dürfniß aber, zu denken, zu forschen, zu wissen, kann dadurch, daß es ebenfalls niemals ganz zu befriedigen ist, zu keinem andern Sdpluß berechtigen, als zu bem, daß seine Nichtbefriedigung eine in den Gejeten des Lebens begründete Nothwendigkeit ist. Daß das Bedürfniß stets in der Zukunft lebt und auch über den Grenzpunkt des Lebens hinausreicit, ohne darum auf eine Erneuerung dieses Lebens hinzuweisen, ist so wenig ein Widerspruch, wie daß ich die Fortsegung des Ozeans vor mir sehe, in dem ich versinke.

Lassen wir uns also durch die Unbegrenzbarkeit unseres Wissensdranges nicht zu falscher Ungenügsamkeit verleiten, aber eben so wenig durdy die Begrenztheit unseres Wissens zu thörichter Niedergeschlagenheit. Das wir Alles wissen

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wollen, aber nicht Ades wissen fönnen, daß wir stet8 nach der ganzen Wahrheit verlangen, aber immer nur einen Theil derselben erreichen können, hat schon Mande zur Verzweiflung an der mensdylichen Vernunft gebradit und in die Arme des Glaubens getrieben. Sie gehören gewöhnlich zu Denen, von welchen Lessing sagt, „das Ziel ihres Nachdenkens sei die Stelle, wo sie des Nachdenkens müde geworden“. Merkwürdiger Widerspruch, aus Wissensburst auf das Mittel des Wissens zu verzichten, oder Dinge, die dem Forschen uits erreichbar waren, erreichen zu wollen durch die Abdankung alles Forschens, den Glauben! Wer wirklid, ein ernstes Verlangen hat, hinter die Wahrheit zu kommen, muß von vorn herein Adem abídywören, was Glauben heißt. 3ch rebe nicht bloß vom religiöfen Glauben. Entweder weiß ich etwas, oder ich weiß es nicyt. Im ersten Falle kann von vorn herein von keinem Glauben die Rede fein; im zweiten muß ich das Nichtgewußte entweder bezweifeln, oder nach Gründen als wahrscheinlidh gelten lassen. Glauben aber heißt etwas für wahr annehmen ohne ges rechtfertigten Grund, entweder auf eine Autorität hin, oder aus Schwädie, die sic) der Bein der weitern Untersuchung zu entschlagen judit. Das Wort Glauben gehört unbedingt in das Gebiet der Unvernunft und muß aus dem Gebiet der Wahrheitforsdung gänzlich verbannt werden. Die sdyolastischen Philosophen des Mittelalters haben die Konsequenz der Gläubigkeit am Besten illustrirt, indem sie, ähnlich wie im vorigen Jahrhundert der Düsseldorfer Philosoph Jakobi, das Glauben gradezu als philosophisches Prinzip aufstellten und der Erfenntuiß nur die Rolle zutheilten, dasselbe zu reditfertigen. Ihr Saf lautete : ich glaube, damit ich erkenne.“ Sie hätten sagen sollen: ich schließe die Angen, damit idy sehe.

Doch eine eben so große Thorheit, wie die Abdyließung des Forschens durch den Glauben, ist die Verkennung der Nothwendigkeit einer Begrenzung unseres Erkennens und Wissens, dessen unendliches und ewig veränderliches Material auch dann keine Erschöpfung möglich madyen würde, wenn unserer Existenz weitere Grenzen gestedt wären. Was ist eher, das Wissen oder sein Gegenstand ? Natürlich der lette, so wie die Speise eher sein muß als die Verdauung. Wenn aber der Gegenstand des Wissens sich stets entrüdt, verändert, oder erweitert in die Unendlichkeit hinein, so muß natürlich das Wissen immer hinter ihm her sein und kann ihm niemals ein Punktum feßen. Es gibt ein unendliches Forschen, fein unendliches Wissen. Ein unendliches Wissen ist ein Widerspruch in fidy, denn das Wissen kann sich immer nur beziehen auf einen erreid ten und erfaßten Gegenstand, die Unendlichkeit aber ist unerreichbar und unerfafbar. Desa halb gibt es unter allen Leistungen des Unsinns, den die Gläus bigen oder ihre Lehrer zu Markt gebracyt, keine unsinnigere, als die Aufstellung eines allwissenden Geistes. Sie machen ihn sogar allwissend für eine Zeit, wo ihrer Versicherung nach noch kein Gegenstand seines Wissens, feine Welt, existirte.

Wer fidy also unglücklich fühlt, weil er die Wahrheit nicht vollständig sich aneignen kann, laborirt einfach an der Thors heit, eine Absurdität vernünftig machen zu wollen, oder die Vernünftigkeit absurd zu finden.

Dieser Thorheit entspricht die andre, die uns zugängliche Wahrheit gering zu schätzen, weil sie uns nicht Aufschluß über alle Probleme gibt. Es hat nod) Niemand das

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