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Der göttliche Ursprung der Macht

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des Menschen und der Gesellschaft, diese in rein abstrakter Allgemeinheit genommen, zu finden gesucht. Aber schon Montesquieu sagte: „Ich habe niemals von öffentlichem Recht reden hören, ohne daß man sich sorgfältig bemüht hat, zu ergründen, was der Ursprung der Gesellschaften sei, was mir außerordentlich lächerlich erscheint. Wenn die Menschen nicht eine Gesellschaft bildeten, wenn sie einander mieden oder flöhen, müßte man nach dem Grunde fragen und erforschen, weshalb sie sich getrennt hielten; aber jetzt werden sie alle als aneinander geknüpft geboren. Ein Sohn wird bei seinem Vater geboren und hält sich an ihn; das ist die Gesellschaft und die Ursache der Gesellschaft.“

Wenn man nur statt des Verhältnisses zum Vater das noch nähere Verhältnis des Kindes zur Mutter setzt, so ist die ganze Argumentation vollkommen richtig. Rousseau wollte jedoch, ohne Rücksichtnahme hierauf, zeigen, kraft welcher Prinzipien die Menschen sich miteinander vereinigen, welches Ziel sie sich bei dieser Vereinigung gesetzt hätten und welches die besten Mittel zur Erreichung dieses Ziels wären. Nun ist es sicherlich unbestreitbar, daß die Gesellschaft nur durch Übereinkunft ihrer Mitglieder existiert. Diese Übereinkunft oder dieser Vertrag ist also ganz gewiß das rationelle Prinzip ihrer Existenz, allein dieser Vertrag wird stillschweigend geschlossen, hat sich immer von selbst verstanden, hat immer existiert, ist also nicht reell. Ganz auf dieselbe Art heißt es in der Geometrie, eine Kugel entstehe dadurch, daß man einen Halbkreis um seinen Durchmesser bewege. Diese Definition ist vollkommen richtig, hat aber nichts mit den materiellen Bedingungen der Existenz einer bestimmten Kugel zu schaffen. Niemals in der Welt ist eine Kugel dadurch verfertigt worden, daß man einen Halbkreis um seinen Durchmesser drehte.

Will man dies Bild festhalten, so hat man in einem bestimmten Beispiel die Eigentümlichkeit des Gedankenganges des 18. Jahrhunderts auf sozialem Gebiete, ja seines ganzen Geisteslebens. Dieses Geistesleben ist analytisch und abstrakt, es hat eine Tendenz nach der Seite der Geometrie und der Algebra und sucht die schwierigsten und kompliziertesten Verhältnisse der Wirklichkeit mit Hilfe der Abstraktion zu begreifen. Dieser Schwäche gegenüber erringt Bonald einen leichten. Sieg, indem er sich auf das Machtprinzip beruft. Er stellt Rousseaus auflösenden Theorien seine dem absoluten Königtum entnommenen dogmatischen Sätze gegenüber: „Gott ist die souveräne Macht über alle Wesen, der Gottmensch ist die Macht über die ganze Menschheit, das Staatsoberhaupt ist die Macht über all seine Untertanen, das Familienoberhaupt ist die Macht in seinem Hause. Da alle Macht nach dem Bilde Gottes geschaffen ist und von Gott stammt, ist alle Macht absolut 1)."

1) Ganz ebenso wie Bonald begründet der bekannte Haller seine Angriffe auf den Contrat social in seiner Restauration der Staatswissenschaft.

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Gegen das innere Moralgesetz

Sodann bekämpft man Rousseau auf dem moralischen Gebiete. Rousseau hatte sich bestrebt, in der Moral „das innere ungeschriebene Gesetz“, von welchem Antigone spricht, zur Quelle der Gesetzgebung zu machen. Er hatte gesagt: „Was der Mensch nach dem Willen Gottes tun soll, das gibt er dem Menschen nicht durch einen anderen Menschen kund; das sagt er ihm selbst und schreibt es ihm tief ins Herz.“ Wäre dem so, was bedeuteten dann Tradition und Autorität und Offenbarungen aus zweiter Hand! „Wenn der Mensch“, entgegnet daher Bonald, „diesem inneren Gesetz folgen müßte, so wäre er willenlos wie ein Stein, den das Gesetz der Schwere lenkt; braucht er ihm dagegen nicht notwendig zu folgen, so bedarf es hier einer Autorität, welche ihn auf jene Gesetze aufmerksam machen kann und ihn lehrt, denselben gehorsam zu sein.“ So wird auch in der Moral das Prinzip also von dem inneren Gefühle in die äußere Autorität verlegt.

Die Polemik wider Rousseau geht so weit, daß Bonald z. B. über die Ermahnung des Philosophen an die Mütter, selbst ihre Kinder zu stillen, ganze Seiten lang deklamiert. Man sollte glauben, hier wenigstens hätte Rousseau es den strengen Moralisten recht gemacht. Weit gefehlt! Jene Ermahnung beweist, daß Jean-Jacques die Menschen nur als Tiere betrachtet habe. „J. J. Rousseau macht es im Namen der Natur den Frauen zur Pflicht, selbst ihren Kindern die Brust zu reichen, gerade wie es die Weibchen bei den Tieren und aus dem nämlichen Grunde tun. ... Die Väter und Mütter, welche von der Philosophie nur als Männchen und Weibchen betrachtet wurden, betrachteten also die Kinder nur als ihre Jungen?).“ Und weshalb ist Bonald so erbittert ? Augenscheinlich, weil er fürchtet, Rousseau möge der Religion etwas von ihrer Autorität rauben, indem er ein Vernunftgebot erläßt, welches sie nicht direkt gegeben hat. „Rousseau“, sagt er, „hat vermutlich gedacht, die Religion dabei zu ertappen, daß sie eine Pflicht übersehen hätte; aber vielleicht hat eben die Religion, welche weiter als er sah, alles gescheut, was jungen Eheleuten als Grund oder Vorwand dienen könnte, wenn auch nur für den Augenblick, getrennt voneinander zu leben.“ Die mütterliche Sorge der katholischen Kirche für das Glück der Eheleute und die Vermehrung des Menschengeschlechts soll sich also · dureh die Polemik wider Rousseau in ihrem glänzendsten Lichte zeigen.

Wir sahen, zu welchen Mißverständnissen der Gesellschaftsidee der abstrakte und mathematische Gedankengang des 18. Jahrhunderts führte. Eines ganz ähnlichen Mißverständnisses hatte man sich durch denselben Gedankengang der Poesie gegenüber schuldig gemacht. In seiner Bewunderung des mathematischen Räsonnements und der Sicherheit, mit welcher man auf dem Wege der mathematischen Schlußfolgerung zur Entdeckung abstrakter Wahrheiten gelangte, wünschte man, der Sprache, soweit möglich, den Charakter des mathematisch

) Bonald: Du divorce considéré au 19me siècle relativement à l'étal domestique et à l'état public de société. Ausgabe von 1817, S. 29 u. 31.

Streit um das Wesen des Stiles

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exakten Ausdrucks mitzuteilen. Condillac definierte die Wissenschaft als eine „langue bien faite“, d. h. eine vollständig klare und vollständig genaue Sprache. Man beachtete viel zu wenig, daß, sobald es Eindrücke wiederzugeben gilt, welche nicht dieselben bei allen sind, und welche bei derselben Person von einem Augenblicke zum anderen wechseln können, eine schmiegsame, leicht umzuprägende Sprache erforderlich ist, welche ihren Geist und Charakter von dem, der sie spricht, empfängt. Die Männer der Wissenschaft begannen damals das, was man die Poesie und den Stil nannte, zu verhöhnen, und versicherten, daß die Gedanken alles und die Form so gut wie nichts sei. Barante, welcher beim Beginn des neuen Jahrhunderts zum erstenmal seinem Zeitalter in einer literaturgeschichtlichen Schrift die Spitze bietet, bemerkt hiergegen schlagend: „Wenn Ximene zu Rodrigo sagt: ,Geh', ich hasse dich nicht“, so ist es klar, daß, wenn man diese Worte einer kalten Analyse unterwirft, es das gleiche ist, als wenn sie sagte: ,Geh', ich liebe dich', und doch würde sie, wenn sie diese letzteren Worte sagte, ein ganz anderer Charakter sein, würde die Rücksicht auf ihren Vater vergessen und sowohl ihre Schamhaftigkeit wie ihren Liebreiz verlieren.“

Die Dichter, welche im Grunde von derselben Auffassung wie die Männer der Wissenschaft ausgingen und ebenso weit wie jene davon entfernt waren, den Stil als das unmittelbare Produkt der Persönlichkeit aufzufassen, machten sich daran, „Stil an sich“ zu fabrizieren und sprachen vom Stil, wie man von der Musik zu einem Text spricht. Sie betrachteten die Kunst zu schreiben als eine rein unpersönliche Kunst, und man sah die deskriptive Schule, mit Delille an der Spitze, den Versuch machen, die aller poesielosesten Sujets, wie die Physik, die Botanik, die Astronomie und die Seefahrt, in Stil zu setzen. Man denke hierbei an wirklich existierende Dichtungen von Boisjolin, Gudin, 'Aimé Martin und Esménard. Ja, Cournand schrieb sogar ein Gedicht in vier Gesängen vom Stil und den Stilarten. Man betrachtete die Poesie als eine künstliche Form, welche dem abstrakt fertigen Gedanken mitgeteilt wurde. Hiergegen hatte schon Buffon seinen treffenden Satz: Les faits, matière de la science, sont „hors de l'homme“, le style c'est l'homme même der Stil ist der Mann gerichtet; ein Satz, welcher seitdem, so oft das Wort Stil genannt wird, als stehende Trivialität zum Vorschein kommt, und niemals öfter als von denen zitiert wird, welche weder Männer sind, noch einen Stil haben?). Die Dichter des 18. Jahrhunderts gingen in ihrer Auffassung

2) Das einzige witzige Wort, welches über Buffons Satz gesagt worden ist, verdankt man der Madame de Girardin. Sie zeigt, wie jeder von George Sands Romanen das Gepräge der einen oder andern Persönlichkeit trägt, für welche die Verfasserin geschwärmt hat, und führt die Bemerkung eines Spottvogels an: „Besonders wenn die Rede von den Werken weiblicher Schriftsteller ist, muß man mit Buffon ausrufen: ,Der Stil ist der Mann'. Le vicomte de Launay: Lettres parisiennes, 1, 89.

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Auch die Sprache stammt von Gott

von der Natur des poetischen Stils von ihrem eigenen Verfahren aus. Da ihre eigene Poesie kein Naturprodukt, sondern ihre Sprache das Produkt einer Arbeit nach gewissen Regeln von der Noblesse des Ausdrucks, von der Wahl der Metaphern und der Anwendung der Mythologie war, so glaubten sie, daß die Sprache und der Gedanke von Ursprung an unabhängig voneinander entstünden.

Wenn daher Bonald seine Lehre wider sie richtet, daß Sprache und Gedanke sich nicht trennen lassen der Grundsatz, auf welchem er in seinem Hauptwerke La législation primitive sein ganzes System erbaut, so hat er selbstverständlich recht. Aber es geht mit diesem Satze wie mit allen anderen der Restauratoren: die Krankheit der Rechtgläubigkeit, an welcher der Verfasser leidet, veranlaßt ihn, jeden wahren Gedanken so zu recken und zu strecken, daß ein förmliches Monstrum daraus wird. „Die Lösung des Problems der Intelligenz“, sagt Bonald, „läßt sich in dieser Formel geben: Es ist notwendig, daß der Mensch sein Wort denke, bevor er seinen Gedanken ausspricht. Das will sagen, es ist notwendig, daß der Mensch das Wort wisse, bevor er es spricht, welcher einleuchtende Satz jede Möglichkeit ausschließt, daß der Mensch selbst das Wort erfunden haben könnte. Da hat man's! Auf solche Art gelangt Bonald zu jenem Lieblingssatze der Reaktiönäre in diesem Jahrhundert, daß die Sprache ursprünglich von Gott den Menschen gegeben sei. Man findet ihn in der Äußerung Sören Kierkegaards (Über den Begriff Angst), daß keinesfalls der Mensch die Sprache selbst erfunden haben könne. Weshalb nicht? Weil Gott sie fix und fertig offenbart hat.

Wider Lockes und Condillacs gesunde Lehre von der sukzessiven Erwerbung der Sprache und der Ideen stellt Bonald dies sein Axiom von der Notwendigkeit der ursprünglichen Offenbarung der Sprache und der Ideen auf. Auf dieser Grundlage beruht bei ihm nichts Geringeres als das Dogma von der Existenz Gottes, woraus alle übrigen folgen. Wohin man sich auch wende, immer endet man dort. Da keiner der Restauratoren einen Begriff von Wissenschaft hat, da sie alle gute Köpfe mit der Bildung sind, welche man in einem Jesuitenkollegium erlangt, läßt sich kein wissenschaftliches Tollhausgeschwätz denken, daß sie nicht im Munde führten. Die Philologie wird nicht minder als die Politik und Gesellschaftslehre auf dem Altare der Theokratie geopfert. Ein merkwürdiger Beweis des Zusammenhanges der Restauratoren ist der Umstand, daß Bonald im Jahre 1814 de Maistres Werk Sur le principe générateur des constitutions politiques in neuer Auflage herausgab, also sich eines Werkes annahm, das wider geschriebene Verfassungen eiferte, während er doch infolge seiner Theorie von der direkten Offenbarung des Wortes zu der Überzeugung gekommen war, daß jedes Gebot von den zehn Geboten an und bis auf uns herab schwarz auf weiß aufgezeichnet sein müsse. Aber die Hauptsache war für ihn wie für de Maistre, daß die Verfassung dem modernen Geiste keine Konzessionen mache, und daß die Autorität von keinem FreiheitsDer Unterricht muß geistlich sein

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hauch angefochten werde; so nahm man es nicht so genau damit, sich mit einem Gesinnungsgenossen zu verbünden, der in diesem Punkte ein entschiedener Gegner war.

Nicht genug, daß man selbst bei den Jesuiten in die Schule gegangen war, man wollte auch das ganze Geschlecht dorthin senden. Maistre war sein Lebenlang der Protektor und begeisterte Anwalt der Jesuiten gewesen. Er setzte sich am Petersburger Hof lieber großen Unannehmlichkeiten aus, als daß er seine Hand von ihnen abzog.

Der dritte Teil von Bonalds Législation primitive behandelt speziell die Erziehung und ist speziell gegen Rousseaus Emil gerichtet. Er kann es diesem Buche nicht verzeihen, gelehrt zu haben, daß man der Jugend keine religiöse Erziehung geben solle. Er zitiert mit heiligem Ernste als Beispiel der unheilvollen Wirkungen von Rousseaus Erziehungstheorien, daß „,75 Kinder im Laufe der letzten fünf Monate wegen verschiedener Verbrechen polizeilich verurteilt worden sind“, und gibt nun seine eigenen Erziehungsgrundsätze zum besten. Sie laufen, wie zu erwarten stand, darauf hinaus, alle Individualität zu ersticken. „Wir bedürfen eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Unterrichts und folglich eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Lehrers (perpétuel, universel, uniforme); man bedarf also eines Korps, denn ohne Korps gibt es weder Stetigkeit, noch Allgemeinheit, noch Gleichförmigkeit.“ Er zeigt auch, wie man von verheirateten Lehrern nicht annehmen könne, daß sie sich ganz ihrer Aufgabe widmen werden, wie es aber ebenso wenig nütze, unverheiratete zu wählen, wenn sie nicht unter einer religiösen Disziplin stünden; „denn wenn die öffentlichen Lehrer zwar unverheiratet, aber zugleich weltlich sind, können sie kein wirkliches Korps ausmachen, da sie nach Lust und Laune in dasselbe ein- und aus demselben austreten, und da kein Familienvater außerdem seine Kinder einem unverheirateten Manne anzuvertrauen wagen könnte, für dessen Sitten nicht eine religiöse Disziplin bürgte.“ Durch dies herrliche Räsonnement ist es denn klar und deutlich gemacht, daß der ganze Unterricht in die Hände der Geistlichkeit gelegt werden müsse, vorzugsweise religiös zu sein und die Kinder frühzeitig an Respekt vor der Autorität, der sie ihr Leben hindurch gehorchen sollen, zu gewöhnen habe.

Das hartnäckige Hervorkehren des Autoritätsprinzips ist also der entscheidende, der herrschende Zug in dieser ganzen Literaturgruppe. Die französischen Restauratoren betonten das weit leidenschaftlicher als die deutschen, zum Teil aus Rasseneigentümlichkeit, zum Teil infolge des konfessionellen Unterschiedes. Die reaktionäre deutsche Literaturbewegung beruht, wie wir gesehen haben, auf dem Subjektivismus; ihr Prinzip ist der Eigenwille. So mit Haut und Haar katholisch, so autoritätsdienerisch wie die französische Reaktion ward die deutsche Romantik, trotz all ihrer katholischen Neigungen und Narrenstreiche doch niemals. Der germanische und protestantische Individualismus setzte sich beständig dagegen zur Wehr. Das französische

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