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Hätt' ich gezaudert zu werden,
Bis man mir's Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie Ihr begreifen könnt,
Wenn Ihr seht, wie sie sich gebärden.

Goethe.

There is no philosophy possible, where fear of consequences is a stronger principle than love of truth.

John Stuart Mill.

Ein gewisser Inbegriff von Persönlichkeiten, Handlungen, Gefühlen und Stimmungen, Ideen und Werken, die sich in der französischen Sprache Ausdruck gegeben haben und die im Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich auftreten oder wirken, bildet für mein Auge eine natürlich zusammenhängende Gruppe von sozialen und literarischen Ereignissen, die alle der Wiedererrichtung einer gefallenen Größe dienen. Diese gefallene Größe ist das Autoritätsprinzip.

Unter dem Autoritätsprinzip verstehe ich das Prinzip, nach dessen Ansicht das Leben des einzelnen und der Völker auf der Ehrfurcht vor dem Erbe der Ahnen beruht.

Die Grundlage der Autorität ist Macht, und sie wirkt als Macht durch ihre bloße Existenz, nicht durch Gründe. Sie beruht auf der unfreiwilligen oder freiwilligen Unterwerfung der Gemüter unter das Gegebene. Ursprünglich hat sie als Wirkungsmittel nur Zwang und Furcht besessen, und diese behält sie zu allen Zeiten bei; doch sie hat schon früh Gefühle wie Ehrfurcht und Dankbarkeit hervorgerufen. Der Mensch hat sich seiner Abhängigkeit nicht geschämt, hat der Autorität gegenüber nicht darunter gelitten, wenn er sich dieser Autorität verpflichtet fühlte. Die Autorität der Familie, die der bürgerlichen Gesellschaft, die des Staates, die historisch auf eine Zeit mit dem Willen des Gewaltherrschers zusammenfallen, haben sich allmählich entwickelt und sämtlich eine Stütze bei einer noch höheren Macht, der religiösen Autorität, gesucht. Erst durch diese wird das Autoritätsprinzip absolut. Der Wille der Allmacht wird höchstes Gesetz, dem sich der Mensch beugen und dem er blind gehorchen muß.

Das Autoritätsprinzip hat in der Geschichte der Menschheit eine große erzieherische Bedeutung gehabt; doch seine Aufgabe ist, sich selbst überflüssig zu machen. Auf dem niederen Standpunkt unterwirft sich der Mensch dem Gesetz, weil es von der Autorität stammt; auf dem höheren, weil er das Vernünftige im Gesetz einsieht. Wo die Autorität absolut ist, muß sie wie ein Wunder auftreten und jede Kritik als aufrührerisch und ketzerisch zurückweisen. Die absolute Autorität hat denn auch stets verlangt, daß man sie als etwas Geheimnisvolles, ein Wunder anerkenne.

Denn absolut ist die Autorität nur kraft religiöser Bestätigung. Doch im Laufe der historischen Entwicklung des Christentums in Europa war bis dahin das Autoritätsprinzip noch nicht in seiner ganzen Reinheit hervorgetreten. Das Christentum hatte (mindestens durch seine Diener) behauptet, die Religion der Liebe, die Religion Christi zu sein. Allerdings ging geschichtlich nebenher, in Wirklichkeit als übergeordnetes · Prinzip, die kirchliche Behauptung vom Christentum als Glaube und vom Glauben an die übernatürliche Autorität als

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Das höchste Autoritätsprinzip

Pflicht. Denn nicht die Liebe, sondern der Gehorsam mußte für die Kirche wie für den Staat das unbedingt Wichtige sein. Aber bisher hatten in der Geschichte Theologen, Geistliche, kirchliche Autoren ganz allgemein, selbst da, wo sie sich am strengsten zeigten, die Sprache der religiösen Gemütsbewegung gesprochen, das Evangelium der Liebe neben der Lehre vom Glauben verkündet und danach gestrebt, die Seelen zu gewinnen, nicht nur für die Autorität zu sprechen. Erst jetzt, zu einer Zeit, da in vielen Ländern eine Mehrheit entwickelter Menschen ihren Geist von dem Druck übernatürlicher Autoritäten befreit hatte und deshalb unbedingten Autoritäten gegenüber auch auf politischem und sozialem Gebiet kritisch gestimmt war, wurde das Autoritätsprinzip in seiner Reinheit und Sterilität ohne Gemütsbewegung mit Beweisen verfochten, die sich meist nur an den Verstand, manchmal aber auch an die Phantasie wandten.

Das Autoritätsprinzip kann in Kirche und Staat, in der Gesellschaft und in der Familie, ja in der menschlichen Erkenntnis als das Prinzip der Erkenntnis und der Gewißheit aufgestellt werden. In der Zeit, deren Geistesleben ich schildern will, wurde es auf all diesen Gebieten geltend gemacht; doch zu der Zeit, von der hier die Rede ist, war es auf allen gestürzt.

Damit man versteht, wie es wieder hervorgeholt und aufgerichtet, wie es entwickelt, verteidigt, befestigt und schließlich noch einmal gesprengt wurde, muß man sehen, wie und durch welche Grundbegriffe es während der Revolution gestürzt worden war.

Es war nicht mit einem Male auf allen geistigen Gebieten angegriffen worden; aber es hatte sich gezeigt, daß sein Bestehen in all den verschiedenen Lebensbezirken von seinem Bestehen in dem Bezirk abhing, der als der höchste betrachtet wurde: dem der Kirche. Denn die Kirche als Autorität verlieh die Autorität auf allen übrigen Gebieten (z. B. dem Königtum von Gottes Gnaden, der Ehe als Sakrament usw.).

Mit der Autorität der Kirche stand und fiel das Autoritätsprinzip bei all den abgeleiteten Autoritäten. Als die kirchliche Autorität untergraben war, zog sie alle anderen Autoritäten in ihren Sturz hinein.

Nicht daß der einzelne Mann, der im 18. Jahrhundert kraftvoller und erfolgreicher als irgendein anderer für die Emanzipation des Gedankens von Kirche und Dogmen gewirkt, eine solche Wirkung seines Strebens vorausgesehen hätte. Weit entfernt! Voltaire wollte gar keinen äußeren Umsturz. In seiner kleinen Erzählung Le monde comme il va ist der weise Babouc freilich zuerst sehr entrüstet beim Anblick der Verderbnis in der großen Stadt Persepolis, und erkennt sehr klar, wie weit alles davon entfernt ist, so zu sein, wie es sollte, allein nach und nach gewinnt er auch ein Auge für die guten Seiten der schlechten Zustände, und als es von seinem Berichte an den Engel Ituriel abhängt, ob die Stadt vernichtet oder verschont werden soll, ist er durchaus wider ihre Zerstörung, ja, auch der Engel denkt zuletzt nicht einmal an irgendeine Reform der Sitten von Persepolis, da, „wenn Die Revolution gegen die kirchliche Autorität

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auch alles nicht gut ist, es doch jedenfalls erträglich ist“. Man kann diesen Gedankengang kaum revolutionär nennen, und Voltaire ist, wenigstens zu Zeiten, derselben Meinung wie Babouc. Man erinnere sich auch, daß Voltaire sich beständig an die Fürsten, nicht an die Völker wandte, um seine Ideen in Handlung umgesetzt zu sehen, und daß er oft genug erklärte, die Sache der Könige und der Philosophen sei eine und dieselbe. Als daher Holbach und seine Mitarbeiter sich vernehmen ließen, daß „unter jenen Machthabern von Gottes Gnaden, jenen Repräsentanten der Gottheit, kaum einmal alle tausend Jahre einer zu finden sei, der das gewöhnlichste Rechtlichkeits- oder Mitleidsgefühl oder die einfachsten Talente und Tugenden besäße“, vermochte Voltaire seinen Groll nicht zu bezähmen. Sein Briefwechsel mit dem König von Preußen enthält auch die heftigsten Zornausbrüche wider das Système de la nature. Er erkannte sich selbst in diesen Schülern und ihren Konsequenzen nicht wieder.

Nichtsdesto weniger stellt Voltaire während der ganzen Revolution das umstürzende Prinzip dar, gleich wie Rousseau der Vereinigende und sammelnde Geist ist. Denn Voltaire hatte kraft der Freiheit des individuellen Gedankens das Autoritätsprinzip zerbrochen, Rousseau hat es durch den Versuch, ein allgemeines Gefühl der Brüderlichkeit und Solidarität hervorzurufen, verdrängt und ersetzt. Die Revolution setzte Punkt für Punkt alles ins Werk, was diese zwei großen Geister vorbereitet hatten: sie vollstreckte ihr Testament; der individuelle Gedanke wurde zur umstürzenden Tat und das soziale Gefühl zur sammelnden Konstitution. Voltaire war die Entrüstung, Rousseau die Begeisterung.

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Da die Autorität ihrem ursprünglichen Wesen nach kirchlich und religiös ist, ist eine Schilderung der Beziehungen der Revolution zu Kirche und Religion während der verschiedenen Entwicklungsstadien dieses Verhältnisses unumgängliche Bedingung, um die ihr folgende geistige Reaktion zu verstehen. Denn da diese sich die Wiederaufrichtung des Autoritätsprinzips zum Ziel gesetzt hat, beginnt sie sowohl historisch wie logisch mit der Restauration der Kirche.

Die Revolution war in ihrem Wesen ebensosehr religiöser wie politischer und sozialer Natur. Von einem Gesichtspunkt aus war sie der praktische Niederschlag des philosophischen Werkes, das die freidenkerischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts vollbracht hatten. Der Revolution von 1789 verdankt Europa die größte Eroberung des ! Menschengeistes gegenüber dem Vorurteil und der Gewalt: die Gewissensfreiheit, die religiöse Toleranz. Dies unschätzbare Gut schuldet die Menschheit in keiner Weise der christlichen Kirche. Die Kirche widersetzte sich aufs äußerste jeder Forderung hinsichtlich der Gewissensfreiheit.

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Die Kirche kämpft um ihre weltliche Stellung

In dem Augenblick, da die Revolution beginnt, sind alle Vorbereitungen zu dem großen Zusammenstoß zwischen dem Autoritätsprinzip einerseits und den Individualitäts- und Solidaritätsprinzipien andrerseits getroffen. Alle Führer, alle Ritter und Knappen, welche das große Turnier ausfechten sollen, stehen auf ihren Posten, unbekannt untereinander, unbekannt der Welt, die sie bald mit dem Schall ihrer Namen erfüllen sollen. Sie sind von ganz verschiedenartiger Herkunft und haben eine ganz verschiedenartige Vergangenheit. Da sind Adlige wie Mirabeau und Talleyrand, Geistliche wie Maury und Fauchet, Ärzte wie Marat, Advokaten wie Robespierre, Dichter, Philosophen, Redner, Schriftsteller wie M. J. Chénier, Condorcet, Danton und Desmoulins, eine ganze Heerschar von Talenten und Charakteren. Die Kirche rüstet ihre Waffen zu einem verzweifelten Kampfe, der im voraus verloren ist, zum mindesten auf ein Jahrzehnt. Die Revolution rückt vor, erst unsicher und schwankend, dann drohend, dann unwiderstehlich, und bald siegestrunken. Sobald die Reichsstände berufen werden, ist der Kampfplatz offen, die Schranken fallen auf beiden Seiten, und der große Kampfrichter, die Weltgeschichte, gibt das Signal zum Zusammenstoß.

Gleich nach dem Zusammentritt der Stände ist das erste and einstimmige Verlangen des geistlichen Standes, die Anerkennung der „katholischen, apostolischen und römischen Religion“ als Staatsreligion zu erwirken, als der einzigen, der ein öffentlicher Kultus gestattet werden solle. Und doch waren Republikaner in gar nicht so geringer Anzahl unter der niederen Geistlichkeit; aber zu der Freiheit, die sie forderten, rechneten sie nicht die religiöse. Die demokratischen Abbés deklamierten wohl gegen die Inquisition, nannten sie menschenfresserisch und tigerhaft, aber sie warnten vor der Toleranz. Der revolutionäre Abbé Fauchet, derselbe, welcher nach der Einnahme der Bastille die dreifarbige Uniform der Nationalgarde segnete und die Trikolore als Nationalfahne schuf, bezeichnet die Toleranz höhnisch als ,,die allgemeine Duldungssucht“ und weissagte, wenn sie eingeführt würde, so würde sie nur zum vollständigen Verfall aller guten Sitten führen. Er ging so weit, daß er denjenigen, die sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekannten, das Recht, sich zu verheiraten, verwehren wollte, „da man derlei Menschen nicht als durch ihr Wort gebunden erachten kann.“

Als die Stände als Nationalversammlung zusammentraten, wurde die Geistlichkeit bald zu Konzessionen genötigt, aber selbst wenn die Misstimmung gegen sie zu Worte gelangte, endete die Opposition stets damit, sich in die mildesten und rücksichtsvollsten Formen zu hüllen. Als z. B. im Februar 1790 Garat von der Priesterweihe den Ausdruck gebraucht hatte, daß sie ein bürgerlicher Selbstmord sei, und eine Anzahl Geistlicher, darunter der Abbé Maury und die Bischöfe von Nancy und Clermont, erbittert hierüber auffuhr, über Gotteslästerung schrie und den Antrag stellte, die katholische Religion zur

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