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Englische Liebe zu Tieren

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Eine zweite englische Bedingung des Naturalismus ist die Liebe der Dichter zu den höheren Tieren und ihr beständiges Verhältnis zur Tierwelt. Sie haben die Vorliebe für alle Haustiere, eine Folge ihres englischen Heimatsgefühles. Sie führen die Heimat und die Haustiere mit sich, wenn sie reisen. Fast all diese Schriftsteller sind Sportsmen, vor allem leidenschaftliche Reiter. Man muß diesen Zug beachten, um nicht, wie es allzu häufig geschieht, eine individuelle barocke Eigentümlichkeit in Zügen zu sehen, die durchaus dem Volkscharakter angehören. Nicht umsonst stammt diese Rasse von zwei mythischen Helden mit Pferdenamen, Hengist und Horsa, ab. Wir finden auch Byrons Liebe zu Pferden, Hunden und allerlei wilden Tieren, die so oft als eine bezeichnende Eigentümlichkeit des menschenscheuen Verbannten hervorgehoben worden ist, ebenso scharf ausgeprägt bei dem im blühenden häuslichen Glück lebenden Walter Scott. Matthews bekannter Brief über das Leben auf Newstead zeigt uns Byron als Jüngling von einer ganzen. Menagerie umgeben, worunter ein Bär und ein Wolf; Medwins Mitteilungen über sein Leben in Italien schildern uns seinen Aufbruch von Ravenna im Jahre 1821 „mit sieben Dienern, fünf Wagen, neun Pferden, einem Affen, einem Jagdhund, einem Bulldog, zwei Katzen, drei Perlhühnern und anderen Vögeln". Dergleichen kann als eine rein persönliche Eigenheit erscheinen. Aber man lese nur des Vergleiches halber in Walter Scotts Biographie die Beschreibung seines Umzuges nach Abbotsford. Der ganze Unterschied ist der, daß die Trödelbude des Antiquars hier sich possierlich mit der Menagerie vermengt: „Der Zug glich einer Karawane, die Wagen waren mit alten Schwertern, Bogen, Schildern und Lanzen gefüllt, die Hühner hatte man in alten Helmen einquartiert, und selbst die Kühe mußten in dieser Prozession alte Fahnen, Standarten und Musketen tragen. Neben dem Zuge lief ein Dutzend Bauernkinder her, mit Fischereigeräten, Netzen und Lachsspeeren beladen und allerlei Arten von Hunden an der Leine führend.“ - Man findet ein Zeichen der schwermütigen Melancholie Byrons in seiner Liebe zu dem Hunde Boatswain und in der feierlichen Inschrift, die er auf das Grab seines Lieblingshundes setzen ließ. Aber um diesen Zug zu verstehen, muß man bedenken, daß der lebenslustige Scott, als sein Lieblingshund Camp gestorben war, ihn feierlich in seinem Garten begraben ließ, während die ganze Familie weinend das Grab umstand.

Noch charakteristischer jedoch als die Liebe zum Grundbesitz und zu Pferden und Hunden und als die Zeugnisse, welche sie sich in der englischen Poesie errichtet, ist die Vorliebe des Engländers für das Meer. Der Engländer ist ein Amphibium. Eine bedeutende Gruppe der Naturschilderung dieser ganzen Periode ist Marinemalerei. Es war eine alte, zu jener Zeit aufs neue glorreich behauptete Überlieferung, daß England die Königin des Meeres sei; die englische Dichtung war und blieb der herrlichste Schilderer und Dolmetscher der See. Es geht ein Hauch von der Frische und Freiheit des Meeres durch die

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Das Meer in der englischen Dichtung

beste Poesie dieses Landes ; das Meer selber erschien seinen Dichtern als das große Freiheitssymbol, in derselben Weise, wie die Alpen es zu allen Zeiten für die freien Bewohner der Schweiz waren. Mit vollkommener Wahrheit ruft Words worth in seinen Sonetten an die Freiheit (1, 12) aus:

Zwei Stimmen tönen: eine von der See,
Die andre von den Bergen, mächtig beide,
Für dich, o Freiheit, liebste Ohrenweide

Und dein erkorner Jubelton von je. Deshalb taucht auch der längst begrabene Geist aus der Wikingerzeit wieder bei den besten Dichtern des Landes in diesem Zeitalter auf, in welchem die englische Poesie des 19. Jahrhunderts kulminiert zu haben scheint. Coleridges Gedicht Der alte Matrose häuft alles Entsetzen und Grausen des Meeres, Campbells Ode Englands Seeleute ist eine hinreißend melodische und männliche Verherrlichung des Heldenmuts und der Macht englischer Seeleute, Byrons Wikingerfahrten spiegeln sich direkt in Childe Harold und Don Juan ab, Shelleys Leidenschaft für die See und die Schiffahrt lebt und atmet in dem Wogenschlag seiner Rhythmen und in allen denjenigen seiner Lieder, welche Wind und Wellen verherrlichen, zumal in seinem Meisterwerke, der Ode an den Westwind.

Auf die Gesellschaft übertragen, wird der Naturalismus, wie es schon bei Rousseau der Fall war, revolutionär, und hinter jener Liebe zum Grundbesitz und dieser Lust, sich den Launen des Meeres auszusetzen und sie zu beherrschen, welche die tiefliegende Ursache des Naturalismus ist, liegt bei dem Engländer das noch tiefere nationale Selbständigkeitsgefühl, das unter den bestimmten historischen Verhältnissen in diesem Zeitraume so naturgemäß die edelsten Geister zum Radikalismus führen mußte. Keine Nation ist von diesem Selbstgefühl so durchdrungen wie die englische; man gewahrt das am besten, wenn der Brite im Auslande unter Fremden auftritt; sein Titel als Engländer kündigt ihn „wie eine Fanfare“ an. Diese Selbständigkeit, die in die englische Literatur übergegangen ist, hat in entscheidenden Augenblicken ihre Kunst zur Charakterkunst gemacht, und sie gibt in der Periode, welche wir vor Augen haben, den Ausschlag und bewirkt den Umschlag in der literarischen Bewegung Europas. Ein Engländer war dazu erforderlich, um, wie Byron, allein den Strom zu stauen, der von der heiligen Allianz ausfloß, - ein Engländer, erstens, weil nur ein englischer Dichter die Kühnheit dazu haben konnte, sodann, weil zu jener Zeit nur die Dichter Englands den ausgeprägten politischen Hang und den scharfen politischen Sinn besaßen, der immer diese erste, ja vielleicht einzige parlamentarische Nation ausgezeichnet hat. Es war ferner ein Engländer dazu erforderlich, mit dieser wilden Energie seinem eigenen Volke den Handschuh hinzuwerfen. Nur in dem nationalstolzesten Volke konnten sich große Geister finden, die stolz genug waren, der Nation Trotz zu bieten.

Jeder Engländer ist selbst eine Insel

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Diese persönliche Selbständigkeit bei den hervorragenden Dichtergeistern des Volkes wird durch eine echt englische Eigentümlichkeit bedingt. Diese Dichter haben so gut wie gar keine Theorie, selten genug eine ästhetische, niemals eine philosophische: während z. B. die Deutschen Lessing, Goethe und Schiller sich die bedeutungs vollsten Verdienste um die Wissenschaft erwerben, ist unter der englischen Dichtergruppe nicht ein einziger Mann der Wissenschaft. Ja, was das Merkwürdigste ist, diese Schriftsteller tauschen nicht einmal ihre Gedanken über ihre Produktionen miteinander aus. Goethe und Schiller korrespondieren endlos über die Natur und die rechte Behandlung der verschiedenen Sujets, ja, sie diskutieren oft weitläufig genug über die Notwendigkeit einer Strophe mehr oder weniger. Heiberg und seine Schule folgen bestimmten ästhetischen Prinzipien, über welche sie überein gekommen, und sind fast ebenso kritisch wie produktiv. Aber Scott und Byron und Moore, welche doch eine herzliche Freundschaft verbindet, führen jeder für sich ihre poetischen Werke völlig isoliert aus, ohne einen Wink, einen Rat, ein Gespräch mit dem Bruderdichter über die begonnene Arbeit auszutauschen oder zu wünschen. Selbst wenn ganz ausnahmsweise eine Einwirkung stattfindet, wie von Wordsworth und namentlich von Shelley auf Byron, so geschieht sie, sozusagen, heimlich, völlig unbewußt und so, daß sie von ihrem Gegenstande nicht erwähnt oder mindestens nicht eingestanden wird. Ein amerikanischer Schriftsteller hat diese Eigenschaft der Rasse treffend bezeichnet, wenn er sagt: „Jeder dieser Inselbewohner ist selbst eine Insel.“

Wir berührten vorhin den politischen Sinn und das politische Interesse. Wie kein einziger dieser Dichter ein Mann der Wissenschaft ist, so ist fast kein einziger unter ihnen, der nicht Politiker wäre. Die politische Tendenz ist eine direkte Folge des nationalen Realismus. Verschiedene Überzeugungen können die Dichter politisch trennen, aber sie nehmen alle Partei, Scott als Tory, Words worth als Royalist, Southey und Coleridge zuerst für, dann gegen die Freiheitsprinzipien der neuen Zeit, Moore für die Irländer, Landor, Campbell, Byron und Shelley als Vorkämpfer für die unterdrückten Nationen. Muß man einen einzelnen Dichter wie Keats ausnehmen, der die Kunst fast nur um der Kunst willen pflegte, so darf man nicht vergessen, daß er mit fünfundzwanzig Jahren starb.

An diesem Wirklichkeitsinteresse liegt es, daß die rein literarischen Streitfragen (Klassizismus oder Romantik z. B.) in ihrer das Leben nicht berührenden Abstraktheit hier niemals die übertriebene Bedeutung erlangen können, welche rein literarischen Kontroversen gleichzeitig in der deutschen, der dänischen, ja selbst in der französischen Literatur beigelegt wird. Nur ist es ergötzlich, bei diesen Dichtern zu sehen, wie der Drang des Engländers, praktisch einzugreifen, sich mit dem phantastischen Hang des Poeten verbindet. Scott trieb seinen Unwillen gegen die Revolution zu purer Donquixoterie. Er verständigte

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Politische Phantasterei

sich z. B. mit einem seiner Freunde, einem Herzog, darüber, falls die Franzosen eine Landung in England bewerkstelligen sollten, dann in die Wälder zu ziehen und dort wie Robin Hood und seine Gesellen zu leben. Ungefähr zu derselben Zeit kündigten Southey und Coleridge in der ersten jakobinischen Hitze der Jugend ihren Bekannten an, daß sie nach einer einsamen Gegend in Amerika auswandern wollten; die Ufer des Susquehanna wurden gewählt, weil der Name dieses Flusses den jungen Männern besonders „hübsch und melodisch“ erschien; dort wollten sie dann eine pantisokratische Kommune bilden, wo alles Eigentum gemeinsam und alle Menschen im Naturzustande gleich sein sollten. Landor, der sich übrigens nicht scheute, als Soldat in Spanien sein Leben im Kampf für seine Ideen ernstlich einzusetzen, wollte als Jüngling daheim in Warwickshire die Zeit der arkadischen Idyllen wieder heraufführen; er entspricht als Dichter ziemlich genau dem Sozialisten Owen. Shelley besaß in der Politik eine so feine Empfänglichkeit, daß man beständig an seinen Ausdruck in Julian und Maddolo erinnert wird:

Me, who am as a nerve, o'er which do creep

Thé else unfelt oppressions of the earth. Er fühlte so manche politische Revolution voraus. Aber derselbe Shelley, der fünfzig Jahre vor Durchführung der Parlamentsreform den genauen Plan zu derselben in einer politischen Broschüre entwarf, und in dem Drama Hellas den glücklichen Ausgang des griechischen Aufstandes zu einer Zeit prophezeite, wo derselbe den Staatsmännern als hoffnungslos erschien, – ist ein reiner Phantast, sobald er auf das Kapitel von dem herannahenden goldenen Zeitalter des Menschengeschlechts zu sprechen kommt. Man lese, wie er dasselbe als Jüngling in der Königin Mab schildert: „Das Eis des Nordpols schmilzt, die Wüsten bedecken sich mit Kornfeldern und schattigen Hainen, der Basilisk leckt die Füße des Kindes, die Winde werden melodisch, die Früchte sind immer reif, die Blumen immer schön. Der Löwe spielt mit dem Zicklein, der Mensch tötet und verspeist kein Tier mehr, die Vögel fliehen nicht mehr den Menschen. Es gibt kein Schrecknis mehr.“ Fallen einem hierbei nicht unwillkürlich einige der tollsten Utopien des gleichzeitigen französichen Sozialismus ein ? Die Einführung der Gesellschafts- und Arbeitspaläste (Phalansterien) würde, nach dem von Fourier entworfenen Plane, in solchem Grad auf die Ökonomie der ganzen Erde einwirken, daß zuletzt sogar die Naturverhältnisse radikal verwandelt werden würden: eine Nordlichtskrone würde, am Nordpol befestigt, Sibirien die Wärme Andalusiens verleihen, der Mensch würde das Meer seines Salzes berauben und ihm zum Ersatz einen Limonadengeschmack geben, und die Meerungeheuer würden sich als Seepferde vor unsere Schiffe spannen lassen.

Zum Glück machte die Erfindung der Dampfmaschine bald darauf dies Vorgespann überflüssig. Selbst Byron, ohne Frage der praktischste dieser Dichter, ist doch Dichter auch in seiner Politik. Es ist kaum

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Das Gerechtigkeitsgefühl der Engländer

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zweifelhaft, daß die griechische Königskrone ihn als das Ziel seiner Bemühungen gelockt hat.

Es soll also nicht verschleiert werden, wie wenig es auch den englischen Dichtern an Phantasterei in praktischer Beziehung gebricht. Gleichwohl geht doch ein realistischer Zug durch ihre Moral und ihre Lebensanschauung, den man so ausgeprägt bei keinem anderen Volke findet. Es sind mehr Gran gesunden Menschen verstandes in ihrer Poesie aufgelöst, als in der anderer Dichter. Sie alle zeichnet ein lebhafter Gerechtigkeitstrieb aus. Wordsworth erbt denselben von Milton; Campbell, Byron und Shelley fühlen ihn so ursprünglich, als könnten sie ihn wider eine Welt geltend machen. Er spielt weder bei Byrons gro Bem deutschen Vorgänger Goethe, noch bei seinem reich ausgestatteten französischen Nachfolger Musset eine Rolle. Keiner von diesen hat jemals, wie er, Fürsten und Regierungen vor den Richterstuhl der Gerechtigkeit gefordert. Eigentümlich englisch aber ist es insbesondere, daß diese Gerechtigkeit, von der die Engländer träumen, nicht wie die, welche z. B. Schiller verehrt, eine aprioristische Idee, sondern ein Kind der Nützlichkeit ist. Man wähle, um dies deutlich zu spüren, einen so schwärmerischen, so idealistischen Dichter wie Shelley, und man wird sehen, daß seine Moral eine ebenso ausgeprägte Nützlichkeitsphilosophie ist wie diejenige Benthams und Stuart Mills. In betreff dieses Punktes findet sich ein schlagender Passus in einem seiner Essays. Im zweiten Kapitel seiner Speculations on Morals sagt er: „Wenn jemand darauf beharrt, zu fragen, weshalb er das Glück der Menschheit fördern solle, so verlangt er einen mathematischen oder metaphysischen Grund für eine moralische Handlung. Die Absurdität dieses Skeptizismus ist minder offenbar, aber nicht minder wirklich als die, einen moralischen Grund für eine mathematische oder metaphysische Tatsache zu fordern.“ In der Theorie: „Das höchste Glück für die größtmögliche Anzahl“ und in dem tiefen, praktischen Gerechtigkeitstriebe, welcher ihr psychologischer Ursprung ist, liegt in Wirklichkeit der Ausgangspunkt für den Radikalismus der englischen Poesie während der großen europäischen Reaktion.

III

Da die Engländer zugleich das ausdauerndste und das unternehmendste Volk, da sie die Nation sind, welche am meisten an der Heimat hängt und am reiselustigsten ist, welche sich am langsamsten zu Veränderungen bequemt und den ausgeprägtesten politischen Freiheitssinn von allen besitzt, so spalten die Geister in diesem Lande sich naturgemäß in zwei große. politische Gruppen, von denen die eine das konservative Festhalten, die andere den wagekühnen Freisinn bezeichnet. Die Parteischeidung hat hier keine Ähnlichkeit mit derjenigen in Frankreich. Ist es auch Übertreibung, mit Taine zu sagen,

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