網頁圖片
PDF
ePub 版

Innerer Zerfall des Autoritätsprinzips

237

natürliche verdrängt das Natürliche aus der Poesie. Dem seraphischen Epos entspricht eine seraphische Lyrik und Erotik; daneben seraphische Pilgerfahrten und seraphische Weissagungen und Gesichte.

In keinem Lande war das Autoritätsprinzip in betreff der literarischen Form so respektiert gewesen wie in Frankreich. Es wird daher auch von der neuen Dichterschule geltend gemacht. Aber leider erkennt man bald, daß das neue reelle Prinzip, die christliche Tradition, in lebhaftem Widerstreite mit den herkömmlichen Prinzipien der Literatur steht, und die Autorität gerät hier ins Schwanken. Auf ähnliche Art wurde die Erfinderin der Heiligen Allianz von den Machthabern für legitim erklärt, solange es schien, daß ihre Grundsätze völlig mit denen der Macht übereinstimmten. In dem Augenblick, wo man wahrnimmt, daß die christliche Tradition als ein unruhestiftendes Prinzip den Autoritäten gegenübertreten kann, sehen diese sich gezwungen, das Werkzeug, dessen sie sich unlängst bedient hatten, zu zerbrechen, und der Gedanke der religiösen Brüderlichkeit steht in der folgenden Zeit als ein revolutionäres Prinzip der Macht gegenüber und unterwühlt sie durch seine Lehre. Am entschlossensten und zusammenhängendsten wird in der Restaurationszeit das politisch-religiöse Autoritätsprinzip von Lamennais entwickelt und verteidigt, doch es zeigt sich schnell, daß sich hinter seiner Lehre von der Souveränität der allgemeinen Vernunft die revolutionäre Verkündigung der Volkssouveränität verbirgt, und das Prinzip löst sich selber auf. Zu gleicher Zeit werden die Feinde der Presfreiheit genötigt, diese als Mittel zu benutzen, während die Gegner des parlamentarischen Regimentes dieses selber verfechten, um ein Ministerium zu stürzen, das sie verhindert, zur Macht zu gelangen. Bald stehen alle Persönlichkeiten, die wir haben auftreten sehen, von Chateaubriand bis zu Frau von Krüdener, von Hugo bis zu Lamennais, im Kampfe mit den Gewalthabern, deren Sache sie so eifrig dienten, und im Kampfe mit dem Autoritätsprinzip, das sie und die Zeit beherrscht hatte.

So fällt dies Prinzip, um sich nie wieder zu erheben.

I am as a spirit who has dwelt
Within his heart of hearts; and I have felt
His feelings, and have thought his thoughts, and known
The inmost converse of his soul, the tone
Unheard but in the silence of his blood,
When all the pulses in their multitude
Image the trembling calm of summer seas.
I have unlocked the golden melodies
Of his deep soul as with a master-key
And loosened them, and bathed myself therein.

Shelley: Fragment L. Es ist meine Absicht, in der englischen Poesie der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts die starke, tief begründete und folgenreiche Strömung des englischen Geisteslebens zu schildern, die nach der Befreiung von den klassischen Formen und Traditionen einen die ganze Literatur beherrschenden Naturalismus hervorbringt, vom Naturalismus zum Radikalismus führt, von der Auflehnung gegen das literarische Herkommen sich zu einer gewaltigen Empörung gegen die religiöse und politische Reaktion erhebt und die Keime zu allen freisinnigen Ideen und allen befreienden Taten in sich trägt, welche die europäische Kultur seitdem verwirklicht hat.

Blühend reich ist die Periode der schönen Literatur, welche ich darstellen will, mit höchst verschiedenartigen, häufig einander fremden oder einander feindlichen Geistern und Schulen, deren wechselseitiger Zusammenhang nicht unmittelbar zutage liegt, sondern sich erst dem kritischen Blick enthüllt. Dennoch hat diese Periode ihre Einheit, und das Bild, das sie gewährt, ist von der Geschichte selber zusammenhängend komponiert, wie bunt und bewegt es auch sei.

[ocr errors]

In erster Linie besitzt diese Gruppe der englischen Literatur gewisse Charaktermerkmale, die der ganzen europäischen Geistesrichtung in dieser Periode gemeinschaftlich sind, weil sie aus denselben Ursachen entspringen. Napoleon bedrohte Europa mit einer Weltherrschaft. Teils instinktmäßig, teils mit klarem Bewußtsein, beugte sich überall der bedrohte Volksgeist, um sich der Vergewaltigung zu entziehen, zu seinen eigenen Lebensquellen hinab. Das Nationalitätsgefühl erwacht und schwillt in Deutschland während der Freiheitskriege, in Rußland flammt es mit dem Brande der alten Hauptstadt empor, in England begeistert es sich für einen Wellington und Nelson und behauptet in blutigen Schlachten vom Nil bis Waterloo die alte englische Herrschaft über das Meer, in Dänemark ruft die Kanonade der Schlacht auf der Reede einen neuen Volksgeist und eine neue Poesie hervor. Dies Nationalgefühl veranlaßt rings um die volker, sich in ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Sitten, in ihre Sagen- und Märchenkreise zu vertiefen. Die Liebe zum Volkstümlichen führt zum Studium und zur Wiederdarstellung des eigentlichen sogenannten „Volkes“, der unteren Gesellschaftsklassen, welche die poetische Bildung des 18. Jahrhunderts noch nicht bearbeitet hatte. Ja, die Reaktion wider die Weltsprache bringt sogar die Dialekte zu Ehren. Brandes, Hauptströmungen II

16

« 上一頁繼續 »