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Der Krieg gegen Spanien

gedicht aufgefaßt, und wer dies mit scharfer Beobachtung gelesen, durfte bereits ahnen, daß Hugo schon im nächsten Jahr mit seinem Gedicht Buonaberdi (in der Sammlung Les Orientales), dessen Motto „groß wie die Welt" lautet, zur reinen Napoleons verehrung übergehen würde, und da Bonapartismus und Liberalismus damals wie bei Béranger, Armand Carrel und Heinrich Heine - ineinander übergingen, hätte man sich leicht die Möglichkeit denken können, daß er drei Jahre darauf in dem Vorwort zu Hernani die Romantik als den „Liberalismus in der Literatur“ definieren würde.

XIV

Was aber am allermeisten die Auflösung der Autoritätsschule förderte, war der Umstand, daß die Bourbonen im Jahre 1824 ihre große und entscheidende Torheit der Literatur gegenüber begangen hatten. Chateaubriand wurde auf die höhnischste Weise aus dem Ministerium Villèle ausgestoßen, obendrein gerade in dem Augenblick, wo er den bourbonischen Namen durch den glücklich beendeten spanischen Krieg, den er seinen politischen René, d. h. sein Meisterstück auf dem Felde der Politik, zu nennen pflegte, einen Triumph verschafft hatte 1). Man verhöhnte Chateaubriand, den Mann, welchem man gewissermaßen alles verdankte, ihn, welcher den Grundstein zu dem ganzen Gebäude, das man aufgeführt, gelegt hatte. Und die Undankbarkeit war ebenso schreiend von seiten seiner Kollegen wie von seiten des Hofes, denn Chateaubriand hatte ja Villèle und Corbière erst zu Ministern gemacht?).

Er stand gerade damals unter den Königstreuen auf der Höhe seiner Popularität, und mit Recht, denn der Kabinettskrieg in Spanien, den er trotz vielfachen Widerstandes in Europa und trotz der in Frankreich selbst herrschenden Unlust, denselben zu führen, durchgesetzt hatte, war wohlberechnet und geeignet, das in der Achtung bedeutend gesunkene Königtum von Gottes Gnaden zu stärken.

Nicht als ob Chateaubriand selbst naiv genug gewesen wäre, den geringsten Preis auf jenen Ferdinand von Spanien zu setzen, für den französische Truppen ihr Blut opfern sollten, um ihn wieder auf einen Thron zu setzen, auf dem ihn sein Volk nicht länger hatte dulden wollen. Er hat ihn als Wortbrüchigen und Verräter charakterisiert. Er hat ihn einen Tyrannen genannt, der sich von der Raserei seiner weiblichen Verwandten leiten ließ, bezeichnete ihn als einen jener feigen Gewaltherrscher, die nicht nachgeben, ehe sie eine Umwälzung erreicht haben, und die zittern, wenn sie eingetreten ist.

1) Die Einzelheiten dieser Verabschiedung lese man nach bei Guizot: Mémoires pour servir à l'histoire de mon temps, Ausgabe für das Ausland, S. 263ff., sowie bei Chateaubriand: Congrès de Vérone, II, 502ff.

3) Die Dokumente finden sich in Mémoires d'outre-tombe VII, 269ff. Chateaubriands Verabschiedung

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Chateaubriands Zweck mit diesem Kriege war folgender: Er ging davon aus, daß Frankreich durch bonapartistische und republikanische Verschwörungen unterminiert sei, die sich tief in das Heer erstreckten; er wußte, daß das Mißvergnügen mit der Restauration allgemein war. Er beschloß deshalb im Vertrauen auf Kaiser Alexanders Sympathie, trotz Cannings Proteste und Metternichs Abraten, va banque zu spielen. Eine Wahrscheiņlichkeit zu siegen war immerhin vorhanden, und in diesem Falle waren alle Verschwörungen mit einem Schlage erstickt, alle Parteien um dieselbe Kokarde vereint und die bourbonischen Familienthrone zu gleicher Zeit in Spanien und Frankreich gefestigt. Im Falle eines Sieges, den die Zersplitterung der Spanier gegeneinander vielleicht sogar leicht machte was ja wirklich eintrat würde das französische Volk das Schauspiel erleben, daß sich die dreifarbige Fahne vor der weißen neigte, und zum erstenmal seit den Glanztagen Napoleons die Botschaft vom Siege französischer Waffen hören, und noch dazu in einem Lande, dessen Widerstand sogar der große Kaiser nicht hatte brechen können. Alles das waren „neue Kränze für den Sproß des heiligen Ludwig", wie Chateaubriand sagte, und neue Lorbeeren für dessen Außenminister, woran er nicht weniger dachte 1).

Bekanntlich glückte es dem französischen Heere, unter Anführung des Dauphins, des Herzogs von Angoulème, fast ohne Blutvergießen Ferdinand in Cadix zu befreien und ihn nach Madrid zurückzuführen. Ferdinand schrieb sofort einen Dankbrief an Ludwig XVIII. Ludwigs Antwort schrieb Chateaubriand. Es ist sehr belustigend, diese mit Paul Louis Couriers erdichtetem Schreiben Ludwigs an Ferdinand zu vergleichen. Chateaubriand legt hier der spanischen Majestät ans Herz, alle Willkür zu vermeiden, die „statt die Macht des Königs zu stärken, sie im Gegenteil nur schwäche", ein guter Rat, über den sich Ferdinand sehr wenig Sorgen machte.

Am französischen Hof war man so schwindlig vor Stolz über den spanischen Triumph, daß man den Urheber desselben, den man außerdem nicht leiden konnte, ganz übersah. Die Herzogin von Angoulème richtete in ihrer Freude über die Siege ihres Mannes nicht ein Wort an Chateaubriand, als er sich nach der Nachricht von der Befreiung Ferdinands bei ihr einfand, um zu gratulieren. Und die Minister Villèle und Corbière waren neidisch auf ihn und fürchteten, er wolle ihre Plätze einnehmen, was ihm nicht einfiel; aber sie schuldeten ihm zuviel, um es ihm verzeihen zu können.

Bald bildete sich eine Hof- und Ministerverschwörung gegen Chateaubriand. Corbière schneidet ihm am 5. Juni 1824 das Wort in der Kammer ab, um zu verhindern, daß er unmittelbar vor seinem Falle einen oratorischen Triumph ernte, und als er, der trotzdem keinen Verdacht schöpfte, sich am Morgen des 6. Juni in den Tuilerien einfand, um dem Bruder des Königs seine Aufwartung zu machen, erfuhr er seinen

1) Chateaubriand: Congrès de Vérone I, 20, 41; II, 528.

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Chateaubriand wird Oppositionsführer

Abschied auf die Weise, daß ein Adjutant zu ihm sagte: „Herr Vicomte, ich erwartete nicht, Sie hier zu sehen, haben Sie nichts empfangen ?“ Kurz darauf überbrachte ihm sein Sekretär den ihm vom König in Form einer Ordonnanz von wenigen Zeilen ausgestellten Abschied. Kein Wunder, daß er sich „tödlich gekränkt“ fühlte über den Ton des Briefes und die Art, wie er fortgejagt worden war ). Als sich Villèle dann mit einer Verspätung des Abschieds briefes entschuldigen wollte, ohne welche Chateaubriand jene demütigende Abweisung im Schlosse erspart worden wäre, bemerkt dieser mit Recht, daß man „nicht einem Manne von einer gewissen Bedeutung einen Brief schreibe, den man erröten würde, an einen vor die Tür zu setzenden Lakaien zu adressieren.“

Christliche Demut war nicht der Grundzug in Chateaubriands Charakter, und er hielt nicht die rechte Wange hin, wenn man ihn auf die linke schlug. Er schreibt sehr bezeichnend: „Meine lange Anhänglichkeit an dieselben Gefühle verdiente doch vielleicht einige Rücksicht. Es war mir unmöglich, ganz beiseite zu setzen, was ich vielleicht trotz allem wert war, noch ganz zu vergessen, daß ich der Wiederaufrichter der Religion und Autor des Genius des Christentums war.

Der Wiederaufrichter der Religion fühlte sich daher nicht verpflichtet, im Geiste des Christentums zu handeln. Er sagt naiv: „Es wäre besser gewesen, wenn ich mich demütiger, niedergeschlagener, christlicher erwiesen hätte. Unglücklicherweise bin ich nicht ohne Fehler, besitze ich nicht die evangelische Vollkommenheit. Gäbe mir ein Mann eine Ohrfeige, würde ich ihm nicht auch die andere Wange hinhalten. Würde er ein Untertan sein, so wollte ich sein Leben haben oder er meins; würde er ein König sein ...

Der Satz wird nicht beendet, weil Chateaubriands Handlungsweise den Schluß überflüssig machte. Er trat offen zur Opposition über, und, wohlbemerkt, zur grundsätzlichen Opposition, die ihm stets als die einzige vorgekommen war, in der unter einer repräsentativen Regierungsform Sinn lag, da jede andere Opposition ohnmächtig war. Bereits am Tage nach seinem Sturz schloß sich ihm die damalige regierungsfeindliche Partei mit Wärme an. Ein Artikel von Bertin im Journal des Débats räumte ihm die Führerstellung ein, und er selbst wurde nun der tatsächliche Leiter des Blattes.

Er zog bald die ganze seraphische Dichterschule, deren Stammvater er war, mit sich. Lafayette sandte ihm ein Lorbeerblatt, Constant schmeichelte ihm. Er begann, sich brüderlich zu Béranger zu stellen, von dem er später besungen wurde. In Bérangers Gedicht An Herrn de Chateaubriand heißt es:

Son éloquence à ces rois fit l'aumône:
Prodigué fée, en ses enchantements

1) Congrès de Vérone II, 508–528.

Der satanische Zweifel an allem

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Plus elle voit de rouille à leur vieux trône,
Plus elle y sème et fleurs et diamants.
Mais de nos droits il gardait la mémoire.
Les insensés dirent: Le ciel est beau.
Chassons cet homme, et soufflons sur sa gloire,

Comme au grand jour on éteint un flambeau. Victor Hugo schrieb ihm eine Ode (Buch III, Оde 2), die ihn gleichzeitig verherrlichen und trösten sollte, und in der es heißt: Was wolltest du auch an einem Hofe ?“ und: „Es gibt nichts Schöneres als einen Lorbeerbaum, den der Blitz getroffen hat.“

Sein Abfall war für die Restauration ein Stoß ins Herz. Solange die Täuschungen der Restaurationszeit gewährt hatten, war die Dichterschule Frankreichs „immanuelisch“ gewesen und hatte einen Schutzengel an der Wiege und an der Bahre jedes Menschen erblickt. Mit Chateaubriands Illusionen fielen auch die aller anderen, und an die Stelle jener Schule trat eine andere, der Southey den Namen „satanisch“ gab, und die denselben annahm, eine Schule mit scharfem Blick für das Böse und für alle Schrecknisse, mit pessimistischer Geistesrichtung und revolutionären Sympathien.

Aber in die Gemütserregung, welche dies unvorhergesehene und bedeutungsvolle Ereignis verursachte, griff ein anderes, noch bedeutungsvolleres und folgenschwereres Ereignis ein, das seine Wirkung über die ganze Welt erstreckte: die Kunde von Byrons Tod.

Diese Kunde wirkte um so mächtiger, als sie die Sympathien für den ersten Freiheitskampf, der seit der Revolution stattgefunden hatte, in hellen Flammen emporschlagen ließ. Ein neues Ideal bildete sich im menschlichen Herzen. Mit Napoleon war die handelnde Größe gefallen, die Helden der Tat für eine Zeit von der Erde verschwunden. Die menschliche Bewunderung war leer wie ein Piedestal, das seiner Statue beraubt worden ist. Lord Byron besetzte wieder den leeren Platz mit der phantastischen Größe seiner Helden. Napoleon hatte Werther, René und Faust abgelöst; Byrons prometheische und kühne Helden lösten Napoleon ab. Er stimmte wunderbar mit dem Drange der Zeit überein. Der orthodoxe Dogmatismus hatte am Anfange des Jahrhunderts den revolutionär-freidenkerischen Dogmatismus überwunden, und war jetzt seinerseits unterhöhlt und veraltet.' Weder die systematische Verneinung, noch die systematische Religiosität hatte in diesem Augenblick eine Zukunft. Es blieb also der Zweifel als Zweifel übrig, der poetische Radikalismus, die tausend schmerzlichen und unruhigen Fragen nach dem Zweck und Wert des Menschenlebens. Und das brachte Byron.

Aber er fragte nicht neutral. Aus ihm fragte der Geist der Empörung und durch seinen Mund vereinigte dieser die jungen Geschlechter zu einer weltbürgerlichen Gemeinschaft. Sie stimmten mit ihm in das prophetisch-warnende Wort ein:

revolution alone can save the world from hell's pollution.

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Lord Byron Bedeutung

Sein Tod wurde für die allgemeine Sache der Freiheit weit wirksamer, als sein Leben. Die Restauration des Königtums von Gottes Gnaden hatte die Menschen zu einem Höhepunkt gläubiger Unterwerfung unter die Autorität, sklavischer Unterwerfung unter die Theologie, untertäniger Unterwerfung ohnegleichen unter die Macht, zu einem Höhepunkte der Schlaffheit und Heuchelei geführt. Sie war faul bis ins Mark hinein, aber von außenher durch Aberglauben und Bajonnette geschützt. In England hatte Bentham, der radikale Philosoph, schamentbrannt, die Reaktion selbst in diesem, am weitesten vorgeschrittenen Lande siegreich zu sehen, sie dadurch zu untergraben gesucht, daß er sich an die Interessen der Menschen wandte. Byron entfesselte alle Leidenschaften. Ihm galt es nicht, auf einen einzelnen Punkt zu wirken, sondern die Gemüter zu revolutionieren, das Gefühl für die Tyrannei zu wecken.

Die Allianzpolitik wähnte, für immer den Revolutionsgeist gefesselt, für ewig das Band zerschnitten zu haben, welches das 19. Jahrhundert an das 18. knüpfte. „Da knüpfte dieser eine Mann den Faden wieder an, den eine Million Soldaten zerrissen hatte. Amerikanischer Republikanismus, deutsche Freidenkerei, französische Umsturzlust, angelsächsischer Radikalismus, alles schien in diesem einen Geiste vereinigt. Nach der Unterdrückung der Revolutionen, der Knebelung der Presse, der Selbstunterwerfung der Wissenschaft trat der Sohn der Phantasie, der vogelfreie Dichter vor die Bresche“, und rief alle kräftigen Geister noch einmal wider den gemeinsamen Feind zu den Waffen?). Die Restauration überlebt ihn im Grunde nicht. Das Autoritätsprinzip hat nie einen rücksichtsloseren Gegner gehabt.

Die Reaktion im französischen Geistesleben beginnt literarisch im Namen des Gefühls mit Frau von Staël und der ganzen Gruppe von Schriftstellern, die sich ihr anschließen, sozial im Namen der Ordnung mit Robespierre und der ganzen Schar von Revolutionsmännern, die sich um ihn gruppieren. Das Gemeinschaftliche bei Frau von Staël und Robespierre ist, daß sie beide Schüler Rousseaus sind. Nach der Reaktion gegen Voltaire folgt dann die Reaktion gegen Rousseau. Auf das Fest für das höchste Wesen folgt das große Einweihungs-Tedeum in Notre-Dame, und auf Frau von Staël folgt Bonald. Das Gefühlsprinzip wird verdrängt, oder, wie bei Chateaubriand, zur Stütze der Autorität benutzt. Das Prinzip der Ordnung wird mit dem Autoritätsprinzip identifiziert, welches bald alle Sphären des Lebens und der Literatur beherrscht. Dies Prinzip ist gleichsam inkarniert in der ersten Abteilung von Reaktionären, deren Häupter de Maistre und Bonald sind. Es empfängt sein Heldengedicht in den Märtyrern, und die Idee der Ordnung beherrscht die Schilderung des Himmels, der Hölle und zuweilen selbst der irdischen Landschaft. Das Prinzip erhält sein politisches Denkmal in der „Heiligen Allianz“. Das Über

1) Gervinus: Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts VIII, 172.

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